„You‘ve Changed“ bei der Ruhrtriennale in Essen

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Was ist projiziert, was sind echte Tänzer? Szene aus „You‘ve Changed“ bei der Ruhrtriennale. ▪

Von Ursula Pfennig ▪ ESSEN–Zunächst ist auf der Leinwand vor der Bühne nur die Projektion eines einzelnen Tänzers zu sehen. Er nimmt eine Position ein, eine Schulterdrehung setzt sich in der Bewegung des Arms, schließlich des ganzen Körpers fort. Ein zweiter tritt hinzu, greift die Bewegung auf. Dabei macht er sie jedoch nicht exakt nach, sondern übersetzt sie in seine eigene Körpersprache. Weitere Tänzer folgen, erst auf der Leinwand, dann als Life-Performer hinter der durchscheinenden Leinwand. Immer komplexer werden die Muster, die die aufeinander reagierenden Tänzer in den Raum zeichnen.

„You’ve changed“ heißt die neue Produktion von Thomas Hauert mit seiner Kompanie ZOO, die er bei der Ruhrtriennenale auf Zeche Zollverein als deutsche Erstaufführung zeigt. Die Musik zu der Performance komponierte Dick van der Harst: Mehrstimmige, choralähnliche Lieder für drei Frauenstimmen wechseln mit elektronischen, von Synthesizer und Schlagzeug dominierten Passagen. Auch der Komponist war in den Entstehungsprozess einbezogen. Als erstes wurde das auf der Improvisation der Tänzer basierende Video gedreht. Dann schuf Dick van der Harst die Musik dazu, worauf wiederum die Tänzer reagieren. Thomas Hauert versteht sich dabei nicht als Choreograf sondern als Initiator einer sich selbst organisierenden Kettenreaktion.

Es ist wie in einem Fischschwarm: Da jeder auf jeden reagiert, kann der Schwarm blitzschnell seine Richtung ändern. Nun steht Menschen ein größeres Repertoire an Bewegungen zur Verfügung. So gibt es in „You’ve changed“ viel zu sehen: Wie Menschen aufeinander zugehen, einander dominieren, wie sie sich ineinander schieben ohne sich zu berühren, wie sie voneinander ablassen, dazwischen gehen, sich umeinander drehen, einander integrieren.

Hinzu kommen die Spannungen zwischen den Projektionen und dem realen Bühnengeschehen, später noch einer zweiten Projektionsfläche hinter der Bühne. Winzigen Verschiebungen machen Unterschiede. So ist zu beobachten, wie sich in der Projektion aus den Einzelnen eine Gruppe formt. Bei den Tänzern passiert das in diesem Moment nicht. Der Grund: Sie konzentrieren sich auf die Projektion, nicht auf die realen Kollegen. Diese greifbare Konzentration, die Aufmerksamkeit der Tänzer und ihre Präsenz ziehen in den Bann und machen die Qualität der Produktion aus. Doch sie fordern auch dem Zuschauer Konzentration ab.

Zwar gibt es dramaturgische Höhepunkte: Zum Beispiel, wenn die vordere Leinwand aufgerollt wird und den ungehinderten Blick auf die realen Tänzer freigibt. Oder Momente der Stille ohne Musik, die ersten Berührungen der Tänzer. Doch es wird keine Geschichte erzählt, die Deutungen sind offen. Wer will, kann das Bühnengeschehen auf Beziehungen einzelner Menschen zueinander übertragen, auf das Funktionieren von Gruppen oder ganzen Gesellschaften. Wer will, kann auch Kunst- oder Medienkritik in der Inszenierung lesen oder einfach nur eine Liebeserklärung an den Tanz. Doch letztendlich bleibt nur ein Vorschlag für den Umgang von Menschen miteinander: Jeder kann Impulse für Veränderungen geben, jeder ist verantwortlich fürs Ganze, Empathie ist die Schlüsselqualifikation. Das Premierenpublikum reagierte nach 70 Minuten Aufführungsdauer zwiegespalten mit Bravo- und Buhrufen.

17., 18.9.,

Tel. 0201/ 887 20 24,

http://www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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