Yasmina Rezas „Kunst“ am Prinz-Regent-Theater

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Streit um ein weißes Bild: Szene aus Yasmina Rezas „Kunst“ in Bochum mit Wolfram Boelzle, Gerhard Roiß und Stephan Ullrich (von links).

Von Carmen Möller-Sendler BOCHUM - Ein weißes Bild. Mit weißen Streifen. Doch, doch, die kann man sehen, beharrt Serge, der es gerade erst gekauft hat. Und überhaupt: „Du müsstest mittags kommen“, schwärmt der Dermatologe seinem erstaunten Freund Yvan vor: „Diese Vibration der Monochromie, die überkommt einen nicht bei künstlichem Licht!“ Doch während Yvan sich wenigstens bemüht, wie stets Verständnis zu heucheln, ist Marc, der dritte im Männerbunde, ganz einfach sauer: „Ich kann nicht verstehen, wie Serge, der mein Freund ist, dieses Bild kaufen konnte. Für zweihundert Riesen?“

Das Bild stellt 15 Jahre Männerfreundschaft auf den Prüfstand. Und „Kunst“, die Komödie von Yasmina Reza, die in den 90ern in ganz Europa Furore machte, lässt uns teilhaben an der stilvollen Demontage ihres Burgfriedens. Im Bochumer Prinz-Regent-Theater inszeniert Hausherrin Sybille Broll-Pape auf vergnügliche Weise.

Gute Kunst? „Es ist eine weiße Scheiße“, urteilt Marc. Er kann nicht lachen wie seine Freunde über die Verrücktheit, soviel Geld für ein Bild hinzublättern. Wolfram Boelzle gibt den zerfurchten, mürrischen Zweifler um so erbitterter, als Serge (Stephan Ullrich), der überlegene Connaisseur, solche Kritik einfach lachend an sich abprallen lässt. Yvan dagegen, der vom Leben generell und momentan speziell von seiner bevorstehenden Eheschließung gebeutelt ist, der eine wundervoll inbrünstige Karikatur des Neuen Mannes ist, Yvan also ist der Spielball zwischen den beiden. Einfach herrlich, wie er viel zu spät bei den Freunden hereinplatzt und sich als Rechtfertigung in einen mehrminütigen hysterischen Anfall hineinsteigert, in dem es um die Zukünftige, zwei Stief- und die echten Mütter geht – eine irrwitzige Szene, die das Publikum mit spontanem Applaus belohnte.

Überhaupt sind Rezas fein-, ja hintersinnige Dialoge ein Genuss, der alle Zwischentöne vom perfiden Grinsen bis zum Schenkelklopfer beherrscht. In wundervoll geschraubten Sätzen („Du und deine hypoflämische Ansicht von Carcassonne“ – Serge über Marcs Wohnzimmer-Deko) lässt die Autorin zunächst jeweils zwei der Freunde über den abwesenden Dritten lästern. Als schließlich alle drei aufeinander treffen, ist es ein bisschen so, als würde man Raubtierbabies beobachten: Eben noch haben sie einträchtig gespielt, doch plötzlich geraten zwei miteinander in eine wilde Balgerei und wenden sich dann unvermittelt gemeinsam gegen das dritte... Ein Wort gibt das andere, die Freunde hangeln sich von Satz zu Satz, akrobatisch, mit affenartiger Gewandtheit, elegant, manchmal auch aggressiv. Etwa als Serge Marcs Gattin Paula als „runzelig und sogar jenseits davon“ tituliert. Was das denn zu bedeuten habe, will Marc darauf wissen, und es entbrennt eine Rangelei. Die wiederum trifft ausgerechnet Yvan, der den Schlag dazu nutzt, sich heulend auf dem Boden zu winden und die Freunde abzulenken. Doch die kümmern sich nicht lange darum. Man merkt, hier sind drei, die dieses Spielchen nicht zum ersten Mal spielen. Sie kennen sich, sie wissen um ihre Stärken und Schwächen, und sie lassen einander bei aller verbissenen Sturheit doch immer wieder davonkommen. Unbedingt ansehen!

8., 9., 29., 30.11., 10., 18.12., Tel. 0234/ 77 11 17,

www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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