Wüstenrot Preis im Museum Folkwang für dokumentarische Fotokunst

In Europa unterwegs: „Ohne Titel, aus der Serie Nová Evropa, 2017-19“ von Christian Kasners. Foto: christian Kasners

Essen – Zieht einen die Dunkelheit an? – Wer die Schwarzweißfotografien anschaut, die Jens Klein für eine Fotostrecke ausgewählt hat, sucht automatisch nach Orientierung. Ein Waggon, ein Zug, daneben eine Grenzanlage – Waldwege, Hütten, abgedeckte Gemüsebeete, Straßen aus Betonplatten. Es ist einsam in den Fotografien, die im Essener Museum Folkwang ausgestellt sind: Mauern, Zäune, Sperranlagen, ein VW-Bulli an einem Gewässer, zwei Schiffe im Meer. Ist es die Ostsee? Alle Bilder sind menschenleer, wie der vermauerte Balkon, der eine Aussicht verwehrt. Worauf und wohin lässt sich nicht erahnen. Aber der Bilderfries, der streng, dicht und mit namenlosen Fotos arrangiert ist, führt einen in die Grenzbereiche, die „Republikflüchtlinge“ im Osten ansteuerten, um die DDR zu verlassen. „Sunset“, so der Titel der Fotoarbeit, gibt die Richtung der Flüchtenden an – gen Westen.

Jens Klein, 1970 in Apolda geboren, hat die Fluchtbilder aus Stasi-Unterlagen bearbeitet. Er hat Grauwerte egalisiert, Bildgrößen angepasst, Motive ausgewählt, die keine Orte, keine Fluchtmethode preisgeben. Und dennoch verdichten die nüchternen Fotos in ihrer Summe eine drängende Absicht: weg, abhauen, alles riskieren. Die dokumentarische Arbeit von Jens Klein ist darauf angelegt, den individuellen Vorgang einer Flucht als etwas Abstraktes erscheinen zu lassen, das über Landschafts- und Architekturstrukturen als eigene fotografische Dimension erkennbar ist. Diese Bildstrategie geht auf. Gleichzeitig wird einem beim Betrachten der Bilder klar, wie entschlossen, verzweifelt und mutig jene waren, die diese Dunkelheit gesucht haben: in einem Keller, einer Höhle, einem Gang oder auf dem Weg in die Nacht – Richtung Westen.

Klein hat die Bilder, die von der Staatssicherheit der DDR in Auftrag gegeben und gesammelt wurden, in der Gauck-Behörde eingesehen und mitgenommen.

Jens Klein zählt zu den vier Fotografen, die den Förderpreis der Wüstenrot Stiftung für künstlerische Dokumentarfotografie erhalten haben (jeweils 10 000 Euro) und die im Museum Folkwang präsentiert werden. Es handelt sich insgesamt um vier Werkgruppen mit 208 Fotografien und verschiedenen Materialien. Die Fotokünstler zählen zur Generation, die dem Wesen der Dokumentarfotografie nicht mehr traut und weiß, dass jede Bildwelt eine ausgewählte und damit subjektive sein muss. Mit dieser Erkenntnis arbeiten die Fotokünstler und erproben mit ihren Projekten, wie aussagekräftig visuelle Konzepte sind.

In Essen geht es um gesellschaftspolitische Fragen. Das heißt im Fall von Christian Kasners: Wie funktioniert Europa? Kasners, geboren in Bottrop, hat Statements zu Europa in die Ausstellung gehängt. „Lieber Präsident Junker“ schreibt David Van Reybronch 2016. Der Historiker und Journalist schlägt vor, Europa als „athenische Demokratie“ zu führen, also Ämter per Losentscheid zu vergeben. Es gibt auch Offene Briefe mit pragmatischeren Vorschlägen. Daneben ist ein Buch einzusehen, das Fotografien aus Tschechien zeigt, die Kasners 2017–2019 gemacht hat. Es sind Bilder, die sich für Außenstehende nicht klar verorten lassen. Zu sehen ist eine urbane Landschaft, die sich im Umbruch befindet. Die Fotos beziehen meist keine Stellung, bleiben auf Distanz. Der Fotograf lässt einen teilhaben. Wie Europa funktioniert, erzählen seine Bilder nicht wirklich.

Jiwon Kim, geboren in Seoul, versucht, dem Urlaubstraum in Costa Rica näher zu kommen. „Paradise Complex“ (2018/19) heißt ihre mehrteilige Serie, die Gegenstände mithilfe der Fotografie (C-Prints) ins Private holt: ausgestopfte Raubtiere, eine Vase mit Blumen, eine Kokosnuss am Strand, ein Handtuch und ein Delfin-Souvenir. Auf Fototassen sind Berge, Himmel und Wolken gedruckt. Imitationen, Wünsche und Kitsch sind hier offensichtlich. Ein Video breitet saftig grüne Landschaften des mittelamerikanischen Landes aus. Sie sind mit schnulzigen Liedern unterlegt. Was ist hier original, was wird für Touristen arrangiert? Jiwon Kim entscheidet sich nicht. Ist es eine Welt mit doppeltem Boden?

Joscha Steffens lebt in Amsterdam und begibt sich für sein Projekt „Nexus“ (2019) in die Extremwelt professioneller Gamer. Die lichtarmen Bilder zeigen junge Menschen, die besorgt hinter LED-Wänden sitzen. Sie sind gefangen von der Spielewelt. Gemeinsam haben sie als Avatare im virtuellen Raum Aufgaben gelöst. Ausgeschieden müssen sie in der realen Welt wieder Fuß fassen, die soviel simpler ist als der komplexe Wettbewerb. Sie wirken niedergeschlagen.

Daneben zeigt Steffens Porträts aus der Gamerszene, wie „Betsy (17, Malaysia) Saturday 23:51 CET, March 14, 2015@Spodek Arena, Katowice, Polen“. So präzise die Zeitangabe auch ist, so unscharf bleibt das Bild. Es sind viereckige Pixel zu sehen, so dass die junge Frau (oder der Mann?) nur schemenhaft zu erkennen ist. Steffens’ Position ist die radikalste in der Essener Ausstellung, weil er die Fototechnik so ausreizt, dass das Sujet des Porträts nur noch Fragen aufwirft.

Die Ausstellung in Essen zeigt die eindrucksvollen Arbeitsweisen der Fotokünstler.

Bis 8. 11; di-so 10 – 18 Uhr, do/fr 10 – 20 Uhr; Katalog kostenlos;

Tel. 0201/ 8845 444; www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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