Wuchtiger ZDF-Dreiteiler über „Unsere Mütter, unsere Väter“

+
Ausgebrannt: Wilhelm Winter (Volker Bruch) in dem-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. ZDF

Von Elisabeth Elling

„Es ist nicht leicht, das Richtige zu tun“, sagt Wilhelm Winter (Volker Bruch) in dem ZDF-Film „Unsere Mütter, unsere Väter“. Er ist Leutnant der Wehrmacht und in Russland eingesetzt. Dieses prekäre Lebensgefühl wollten Mütter und Väter vermitteln, wenn sie Kindern oder Enkeln erklärten, wie ihr Leben aussah im „Dritten Reich“ – wenn überhaupt gesprochen wurde. Oft standen Vorwürfe und Misstrauen gegen Lebenslügen und Rechtfertigungen: „Was hätten wir denn machen können?!“

Diese Frage will der ZDF-Dreiteiler gar nicht beantworten, und das ist ein großes Verdienst. Er tastet sich in diese Leerstelle vor, in das große Beschweigen, wenn er den fünf Figuren vom Sommer 1941 bis zum Sommer 1945 folgt. Sie gehen als Rotkreuzschwester oder Wehrmachtssoldat an die Ostfront (Charlotte sowie die Brüder Wilhelm und Friedhelm). Viktor will der Judenverfolgung entkommen. Greta versucht, den jüdischen Geliebten zu retten und die eigene Gesangskarriere zu befördern. Volker Bruch, Tom Schilling, Miriam Stein, Ludwig Trepte und Katharina Schüttler verkörpern die Berliner Freunde, die im August 1941 glauben, Weihnachten werde der Krieg vorbei sein.

Der Film (Drehbuch: Stefan Kolditz, Regie: Philipp Kadelbach) beobachtet mit grausamer Gewissenhaftigkeit, wie sie zu Opfern und (außer Viktor) zu Tätern werden. Der idealistische Soldat verachtet den SD-Offizier, der ein Mädchen abknallt, verliert seinen kruden Wehrmachtsdünkel aber bald: Er wird „sowjetischen Kommissaren“ ins Genick schießen und später als Deserteur in einem „Bewährungsbataillon“ landen. Der jüngere Bruder, ein pazifistischen Spötter, stumpft zum Killer ab. Charlotte verrät eine jüdische Hilfsschwester. Greta schläft mit einem Gestapo-Mann (Mark Waschke), der ihr Ruhm und Viktors Rettung verspricht, aber nur das erste hält.

Die Einordnung in Nazifanatiker und Widerstandshelden greift nicht. Das wühlt die hergebrachten Sehgewohnheiten ebenso auf wie Schockszenen von Häuserkampf, Todesangst und Hinrichtungen. Entfärbte und zerstückelte Bilder (Kamera: David Slama) bedrängen mit Atemlosigkeit und Alpdruck.

Kolditz und Kadelbach zeigen keine passiven Figuren, sondern beleuchten Handlungsspielräume, die zwischen Angst, Anstand und Überlebenswillen blieben. Damit geht die Erklärkraft von „Unsere Mütter, unsere Väter“ weit über das hinaus, was das Fernsehen bislang über die Kriegserfahrungen der heute 80- bis 90-Jährigen zu bieten hatte: Dutzende ZDF-Serien mit fragwürdigen Spielszenen und verkürzten Zeitzeugen-Aussagen (etwa „Hitlers Helfer“, „Hitlers Manager“, „Hitlers Krieger“ des frisch verrenteten Guido Knopp) und emotionalisierte „Eventfilme“ der Produktionsfirma Teamworx („Dresden“, „Die Flucht“), die (Liebes-)Dramen in schweren Zeiten verhandelten.

Manche Erzählmechanismen beeinträchtigen auch „Unsere Mütter, unsere Väter“. In einer dramaturgischen Druckbetankung wird manche Unglaubwürdigkeit eingeschleust: So steigt ein Gestapo-Offizier auf eine Denunziation hin persönlich in den Keller, um die Swing-Platte der Freunde abzustellen. Die wiederum laufen sich unwahrscheinlich oft über den Weg, zum Beispiel am Vorabend der Kursk-Offensive im Juli 1943, als Charlottes Lazarett und die Einheit der Brüder von der Truppenbetreuung bespaßt werden – Greta singt ihren Hit „Mein kleines Herz“ (und Katharina Schüttler schillert wie Hanna Schygulla). Wenige Monate danach stehen sich Friedhelm und Viktor im polnischen Urwald als Soldat und Partisan gegenüber.

Anders als mit solchen Wendungen lässt sich im Fernsehfilm die Gleichzeitigkeit extremer Lebensbedingungen wohl nicht vermitteln. Und der Erkenntniswert dieser 270 Minuten, ihre oft schwer erträgliche Nähe zu den Figuren, wird dadurch nicht geschmälert.

ZDF, So 20.15 Uhr, Mo 20.15 Uhr, Mi 20.15 Uhr

Dokumentationen: So 21.45 Uhr, Mi 0.45 Uhr

Nach dem Auftaktfilm diskutieren bei Maybritt Illner um 22.45 Uhr Dieter Thomas Heck, Daniel Cohn-Bendit und Franziska Augstein

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare