Wolfram Lotz‘ „Einige Nachrichten an das All“ in Dortmund

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Ein trauriges Clown-Duo: Filmszene mit Frank Genser und Uwe Schmieder aus „Einige Nachrichten an das All“ nach Wolfram Lotz am Schauspiel Dortmund ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Dreimal läuft die berühmte Fanfare von 20th Century Fox. Dreimal öffnet sich der Vorhang, um sich gleich wieder zu schließen, was ironischen Applaus auslöst. Die Stühle auf der Bühne im Schauspielhaus Dortmund aber bleiben leer. Dann kommt Schauspielchef Kay Voges und beichtet. Vor Wolfram Lotz‘ Stück „Einige Nachrichten an das All“ hat das Theater kapituliert. Das ganze Ruhrgebiet, die Welt wollten sie zeigen. Der erste Satz gibt eine Richtung vor: „Wir befinden uns in einer Explosion, ihr Ficker“.

Aber eine Kulisse, die bei jeder Aufführung wieder einstürzt, das überfordert die Kräfte des Hauses. Sie haben versucht, das „unmögliche Theater zu machen“, sagt Voges, darüber hätten sie die Körper verloren. Alles habe sich in Licht verwandelt.

Nun flackert das Stück als Film über die Leinwand. Ein Auto überschlägt sich, geht in Flammen auf. Ein Mädchen fällt zu Boden, eine Blutlache breitet sich um ihren Kopf aus. Die Darsteller stellen sich auf der Halde Haniel dem Wind des Reviers, tauchen in den nächtlichen Silbersee in Haltern ein, streifen durch triste Hochhausquartiere und romantische Wälder. Man sieht Zellen unterm Mikroskop und vieltentaklige Außerirdische, die frech von „Weltraumschrott“ quäken. Manches davon hätte man auch mit live agierenden Schauspielern kombinieren können. Aber der Erzählfluss hätte nicht das Tempo erreicht. Zumal Voges fasziniert scheint von den Möglichkeiten des Films, von extremen Nahaufnahmen, Sekundenauftritten aus einem Medium ins andere. Kameramann Daniel Hengst entfaltet prachtvolle Ideen.

Vor allem aber denkt in Lotz‘ Stück das Theater über sich selbst nach. Immer wieder fallen Sätze über die beschränkten Möglichkeiten, unter denen man antrete. Eva Verena Müller spielt die Krankenschwester einer Kinderkrebsstation, deren Patienten ein Krippenspiel aufführen. Voges hat sie als Mischung zwischen der augenbeklappten Tarantino-Killerin Elle Driver (aus „Kill Bill“) und Stanley Kubricks Dr. Seltsam mit Kunstarm angelegt. Sie entschuldigt: „Das ist eben kein richtiges Theater“, und das kriegt von der Leinwand einen zusätzlichen Sinn.

Dann spielen, fast in Schwarz-Weiß-Optik und in einer gemalten Kulisse, Frank Genser und Uwe Schmieder ein Duo schwuler Krüppel, Lum und Purl Schweitzke. Sie wissen, dass sie Figuren in einem Theaterstück sind. Aber sie kennen ihren Text nicht. Dann fällt Purl ein: Ein Kind. Er könne doch ein Kind kriegen, und dann wären sie Eltern und das Stück hätte einen Sinn. Sie haben hinreißende Szenen, erscheinen als Fortsetzung von Laurel und Hardy oder Valentin und Karlstadt, überblendet mit Beckett-Nihilismus.

Dann schleppt sich ein zerschundener „Leiter des Fortgangs“ (Sebastian Graf) mitsamt einer Sendeanlage durch die Handlung. Er sucht Menschen, die die titelgebenden Nachrichten sprechen, die dann in Retro-SF-Optik als Blitze über eine Filmantenne zucken, ein Wort nur, denn mehr schafft die Anlage nicht. Das ist „Mama“ oder auch, vorgetragen von Ronald Pofalla (Ekkehard Freye in einem furiosen Politiker-Strip): „Bums“. Der tote Heinrich von Kleist (Björn Gabriel) unterhält sich im Totensee mit der überfahrenen Hilda (Julia Schubert).

Irgendwann bricht ein Auto durch die Leinwand, treten doch noch Schauspieler auf, die 64 Fußnoten des Textes starr ins Publikum rezitieren. Die erhoffte gesteigerte Gegenwärtigkeit haben sie nach der Kintopp-Achterbahntour aber nicht.

Sie haben sich ja entschuldigt, und vielleicht ist es ja auch die angemessene Antwort. Wenn ein Autor wie Lotz ein unspielbares Stück schreibt über den Kosmos, das Sein und das Theater, dann darf das Theater sich wehren. Im Film gibt es sich auf. Unterhaltsam ist der Abend trotzdem. So beginnt die Spielzeit mit einem schönen Scheitern.

22.9., 6., 13.10., Tel. 0231/ 50 27 222, http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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