Wolfgang Schlüters Roman „Gruß, Greenaway!“

Von Ralf Stiftel ▪ Wolfgang Schlüter, geboren 1948, Autor und Übersetzer, hat neun Jahre für die Arno Schmidt Stiftung in Bargfeld gearbeitet. Das prägt. Man erkennt es im Roman „Gruß, Greenaway!“ nicht erst an der Anspielung auf Seite 69, wo Schlüter eine der berühmtesten Textstellen Schmidts einmontiert, einen Dialog, der allein aus Satzzeichen besteht. Schlüter hat in diesem Buch munter gestohlen, gezogen und geraubt, was die Kulturszene hergibt. Und wer ihm auch nur bei einem Bruchteil dieser Beutezüge folgen kann, der hat sein helles Vergnügen an dem Buch.

Thomas Greenaway, eine der Hauptfiguren, ein erfolgreicher Schriftsteller, stellt sich der anderen Hauptfigur Ulrich Landauer, einem frustrierten Übersetzer, der ums liebe Brot Schund übersetzen muss, auf der Frankfurter Buchmesse vor. „Nicht verwandt mit der Kinderbuchautorin, nicht verschwägert mit dem Filmregisseur.“ Es ist der Beginn einer wunderbaren und seltsamen Freundschaft. Allerdings weiß der Leser von Anfang an, dass Greenaway sterben wird, erschlagen von einer Otterfalle im ländlichen Britannien, wohin es ihn alljährlich zur Kleintierhatz auf Schnepfen, Enten und Reiher zog.

Dieses Buch ist durch und durch künstlich. 25 Kapitel sind mit Vogelnamen betitelt, und der jeweilige Pelikan, Kiebitz oder Kampfhahn spukt dann durch die Neben- und Hauptsätze des Kapitels. Inspiration dafür war der auf Vögel spezialisierte niederländische Barockmaler Melchior de Hondecoeter. Jedes Kapitel ist in einem anderen Stil verfasst, mal als Lebensbeichte Landauers, mal als Brief seiner umschwärmten Carmel an ihre österreichische Busenfreundin, mal als Folge von 25 Szenen eines Hörstücks, das Greenaway Carmel zu ihrem 25. Geburtstag schenkt, mal als englischer Zeitungsartikel. Und überall in dieser Liebes-, Eifersuchts- und Mordgeschichte verstecken sich die Anspielungen. Wenn Landauer in glücklichen Tagen höhnt über „jenes eckigte Stelzen mit durchgedrückten Beinen, verkrampft angewinkelten Armen und zween langen Skistöcken, welches Nordic Walking genannt wird und einer industrialisierten Wellness sich verdankt, die doch nur das Kehrbild ist des Fließbands in der Fabrik“, dann mischt Schlüter uns ein Amalgam aus E.T.A.Hoffmann und Adorno. All die Namens-, Wort- und Zeichenspiele, die unser Gedächtnis auf Trab bringen. Die urkomische Beschreibung von Greenaways Münchner Villa, die er mit Frau und Zwillingssöhnen bewohnt, die im Matrosenanzug oder im Frack dem Gast vorsingen. Natürlich kommen die Filme Peter Greenaways vor und wird auch der Umschlag eines Buchs von Kate Greenaway gezeigt, und es gibt eine böse Beschreibung jenes Kulturfestivals, das Carmel in Brandenburg organisiert und bei dem sie gern den bulgarischen Lyriker abschleppt, ohne den amerikanischen Linguisten zu verschmähen.

Mit Psychologie darf man diesem Roman nicht kommen. Schlüter frönt den Freuden der Konstruktion, und wenn Greenaway sich zwei Seiten lang über Vogelfallen auslässt, dann sieht man das böse Ende nahen.

Wolfgang Schlüter: Gruß, Greenaway! Matthes & Seitz Verlag, Berlin. 216 S., 22,90 Euro

Quelle: wa.de

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