Wilfried Hagebölling im Museum Wilhelm Morgner

So weit die Arme reichen: Wilfried Hagebölling vor einer mit den Händen ausgeführten Zeichnung im Museum Wilhelm Morgner in Soest.

SOEST - Eigentlich müsste man Wilfried Hageböllings Skulpturen und Zeichnungen immer mit dem Künstler anschauen. Vor seiner unbetitelten, mehr als zwei Meter hohen Zeichnung auf zusammengehefteten Büttenpapierbögen breitet er die Arme aus. Sie reichen exakt bis an den Rand des schwarzen Kreises. So hat er das Bild gemacht: mit bloßen Händen die Farbe aufgetragen. Der Mensch ist das Maß des Bildes, und wenn Hagebölling so vor seinem Werk steht, mag einem die Darstellung der Quadratur des Kreises von Leonardo da Vinci einfallen, wo der eingezeichnete Mann ebenfalls einen Radius vorgibt.

Nun hat man in der Ausstellung „Wilfried Hagebölling. Skulpturen und Zeichnungen“ den Künstler nicht stets zur Hand. Aber der Betrachter ist ja anwesend im Museum Wilhelm Morgner in Soest. Er kann und soll die rund 50 ausgestellten Werke selbst aktivieren. So hat es sich der Künstler ohnehin gedacht. Man kann es an kleinen Entwurfsmodellen sehen, die er manchmal, wenn man ihm Geld und Grund zur Verfügung stellte, auch monumental realisiert hat. Da sieht man zentimeterhoch aufmontiert die Stahlplatten einer Arbeit ohne Titel, die 2009 im Osnabrücker Land aufgestellt wurde, in der von Jan Hoet kuratierten Ausstellung „Colossal“, die von der Hermannsschlacht inspiriert war. Der Clou dabei: Der Betrachter konnte die drei Meter hohen Tafeln drehen und so die Skulptur verändern. Im Museum ist das nur mit Großfotos darstellbar.

Aber auf Größe wird in der Ausstellung nicht verzichtet. Die neueste Arbeit sieht aus wie ein abgelegtes Y, drei Stahlträger wurden aneinandergefügt, im Zentrum ein Rechteck mit grobem Rand ausgestochen. Es ist ein existenzielles Zeichen, dem sich der Betrachter stellen soll.

Hagebölling will mit seiner Kunst immer eingreifen in bestehende Räume, sie stören, so dass sich die Wahrnehmung des Betrachters vor der Skulptur verändert. Das kann schon mit der Platzierung einer Arbeit erreicht werden. Um die 1991 entstandene meterlange Bodenarbeit im oberen Umgang des Museums führt kein Weg herum. Man muss vorsichtig über die Stahlträger steigen, die ein Kreuz bilden, das in der Mitte zersägt wurde und dessen Teile schräg nebeneinander liegen. Man muss auf sich achten, Hagebölling hat Schraubzwingen auf den Balken angebracht. Die seien genau in Knöchelhöhe, merkt er an. Kunst ist nicht ungefährlich, das Stolpern ist hier durchaus eingepreist.

Anstoß erregten Arbeiten von Hagebölling immer wieder. Das „Eck-Stück“ zum Beispiel, das in Soest in einem abgesenkten Bereich liegt, entstand dadurch, dass der Künstler kleinere Stahlbrocken in eine Ecke warf, so dass sie einen chaotischen Haufen bildeten, der die gleichsam bürgerliche Regelmäßigkeit einer Raumecke massiv brach. In Soest inszeniert Hagebölling das mit einer Akustikinstallation, so dass einem beim Betreten plötzlich das Krachen und Scheppern des fallenden Metalls in den Ohren klingen. 1997 fühlten sich Menschen im Münsterland von der Arbeit so provoziert, dass sie in einer Nacht- und Nebelaktion die Stahlteile sauber aufstapelten. Ist es so schwer, etwas Unordnung zu ertragen?

In der Ausstellung kann man erfahren, welchen Reiz solche amorphen Gebilde haben, wenn sie eine Ecke in eine Art Lebensraum für Kunstgebilde verwandeln. Neben der Stahl-Arbeit hat Hagebölling auch „Eck-Stücke“ aus Styropor installiert, die mit schwarzer Lackfarbe bemalt sind, was sie wie schillernde Erz- oder Kohlebrocken aussehen lässt. Eine andere Art der Störung vermittelt eine Betonarbeit, ein Block, aus dem an der einen Seite ein Winkel ausgeschnitten ist, an der anderen eine Rundung. Hier hat Hagebölling eine Ecke seines Ateliers verewigt, indem er den Raum zwischen einer Ecke und einem Blechfass mit Beton ausgoss. Was Leere war, ist nun harte Materie.

Für eine Provokation ist Hagebölling durchaus zu haben. Vor dem Museum steht eine weitere Arbeit, „Abu Ghureib 2003/2004 – Friedrich von Spee 1631/1632“, ein Stahlkäfig, wie ihn die Amerikaner benutzten, um ihre Gefangenen im Irakkrieg einzusperren. Hagebölling platzierte das Objekt 2004 in Paderborn als Protest gegen die bekannt gewordenen Folterungen an Kriegsgefangenen. Es gab einen Sturm der Entrüstung – nicht gegen die Menschenrechtsverletzungen, sondern gegen den Eingriff in die öffentliche Ordnung. Der Künstler zeigt die Arbeit mit gemischten Gefühlen, leider sei sie wieder hochaktuell, weil US-Präsident Trump Gina Haspel zur neuen CIA-Chefin ernannte. Die Geheimdienstlerin war in Gefangenenfolterungen verstrickt.

Hagebölling, 1941 in Berlin geboren, wuchs in Soest auf. Heute lebt er in Paderborn, wo er auch einen Skulpturengarten betreibt. In der Region waren seine Werke immer wieder zu sehen, sei es in Soest selbst, aber auch in Liesborn, Dortmund, Beckum. Dabei ist er auch international gefragt, wurden seine Arbeiten doch in Paris, Tokyo, Singapur, Rotterdam und anderen Orten gezeigt. Die Soester Ausstellung soll keine Retrospektive sein, obwohl sie einen guten Eindruck von der Bandbreite seines Schaffens vermittelt. Die Werke sollen ihren Raum haben, sich entfalten können. Das ist in der Schau bestens gelungen.

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr,

Bis 23.9., di – fr 14 – 17, sa, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02921/ 103 11 31, www. museum-wilhelm-morgner.de

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