Wilco spielt in Düsseldorf genial zusammen

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Jeff Tweedy von der Band Wilco spielt beim Auftritt in der Düsseldorfer Tonhalle. ▪

Von Frank Zöllner ▪ DÜSSELDORF–Songs, die in einer Art Tiefseerauschen übergehen. Gitarren-Improvisationen, die mal in einer lärmenden, sich aufbäumenden Kakophonie oder in schmeichelnde Melodien enden. – Das erste Deutschland-Konzert der amerikanischen Alternative-Rockband Wilco in der Düsseldorfer Tonhalle wird so zu einem zweistündigen Ereignis.

Das selbstbetitelte „Planetarium der Musik” ist der passende Ort, um den weiten Klangkosmos von Jeff Tweedy und seinen fünf Mitstreitern zu präsentieren. Mit ihrem Auftaktlied „Spiders” beschränkt sich die Band auf eine Art Hörprobe – aus der zehnminütigen Albumversion wird eine radiotaugliche, kompaktere Version. Doch das ist die letzte Selbstbeschränkung: In den weiteren zwei Stunden zeigen Sänger und Texter Tweedy, Gitarrist Nels Cline, Schlagzeuger Glenn Kotche, Bassist John Stirrat, Pianist Mikael Jorgensen sowie Multi-Instrumentalist Pat Sansone ihre Bemühungen, den perfekten Aufbau ihrer Songs vorzuführen. Hierbei wechseln sich immer wieder ruhige Passagen mit lauten Ausbrüchen der bis zu vier Saiteninstrumente. Die Mischung aus den verschiedenen Musikstilen, basierend auf Southern Rock, Bombast, American, Folk, Blues und auch Beatles-artigen Pop wird zu einer einzigartigen, oft mäandernden, kantig wirkenden Klangkulisse verarbeitet. Bevor das sonore Wirrwarr zum Selbstzweck wird, bekommt die Band stets die Kurve und findet neue Melodienläufe.

Staunend verfolgt das Publikum das expressive Spiel von Neu-Mitglied Nels Cline. Der 54-Jährige, seit 2004 dabei, gilt als einer der besten Rockgitarristen. Er ist versunken in seinem Tun, erzeugt Hall- und Verzerrereffekte durch impulsive Bewegungen seines Instrumentes vor einem Extra-Verstärker. Oft sind die Songs so aufgebaut, dass sich die Musiker zu Instrumental-Passagen einfinden und sich dabei Klangsequenzen zuspielen wie etwa in „Impossible Germany” und „Everlasting Everything”.

Erstmals arbeitete die Band in identischer Besetzung an zwei Alben, und das ist dem genialen Zusammenspiel in Düsseldorf jederzeit anzumerken. Ihre Rolle als Erbverwalter des Folksängers Woody Guthrie – auf Initiative von Guthries Tochter Nora vertonten Wilco Songtexte aus seiner Hinterlassenschaft – werden sie ebenfalls gerecht. In der hohen Kuppel leuchten passend Lichter zu ihrer Interpretation des Klassikers „California Stars”. Dazu wechselt sich Düsteres wie die Selbstmordattentäter-Beschwörungsformel „I’ll Fight” mit Melancholischem wie „Country Disappeared” und dem Klagelied über eine verflossene Liebe („Hate It Here”) ab. Aber auch Luftiges und Beschwingtes wie „Walken” fügt sich in das Wilco-Universum ein. Das Publikum hat seinen Spaß. Und die Frage, ob auch er glücklich ist, bejaht Jeff Tweedy. Das war nicht immer so. Im Jahr 2004 machte er seine Medikamenten-Sucht öffentlich, eine Folge von Depressionen und Panik-Attacken. Sein „Ja” wirkt absolut glaubhaft, legt man zugrunde, dass Tweedy mit seiner Musik in seinem Element ist.

Quelle: wa.de

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