Wiederholung als Strategie in Münsters Kunstverein

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Körperarbeit vor Barockkunst: Shahryar Nashats Video „The Regulation Line“ (7.27 Min., 2005), zu sehen in Münster.

Von Achim Lettmann -  MÜNSTER Der Turner drückt sich in den Handstand vor Peter Paul Rubens’ Gemäldezyklus für Maria de Medici (um 1622). Er wirkt klein angesichts der Wandbilder und auf seine Sache konzentriert. Die Kamera von Shahryar Nashat zeigt seine Vorbereitungen, die Muskelarbeit und die Standfigur des trainierten Mannes – auf einem Arm. Der Künstler setzt den Körper mit seiner Videoarbeit ins Verhältnis zu den barocken Monumentalbildern im Pariser Louvre.

Shahryar Nashat ist der körperliche Bezug zur Kunst wichtig, deshalb hat er die Videoinstallation „The Regulation Line“ (7.27 Min., 2005) geschaffen. Im Westfälischen Kunstverein in Münster ist sie in einer Ausstellung zu sehen, die zur Strategie der Wiederholung in der Kunst acht Positionen zeigt.

Die Präsentation bietet Arbeitsweisen, die reflexiv auf Kunstwerke und angewandte Techniken mit speziellen Methoden reagieren. Während sich Nashat einem großen Künstler wie Rubens nähert, rückt Harald Popp eine glänzende Sockelkeramik vor wechselnden Hintergründen ins Fotolicht. Er konzentriert sich auf ein Ding, das weder einen besonderen Wert hat noch up to date ist. Die Wiederholungen in der Serie „Untitled, Landscape“ (2013) werten das Objekt, weil Farben auch Stimmungen ins Bild bringen. Dass der Keramik-Nippes dadurch nicht ansehnlicher wird, ist zweitrangig. Wichtiger scheint Harald Popp, dass das dreidimensionale Objekt auf der C-Print-Fotografie ausgesprochen flächig wirkt trotz analoger Visualisierung. „Wir sind alle schon Teil der digitalen Welt“, sagt Kuratorin Kristina Scepanski. Ihre Ausführungen helfen, die Konzepte der jungen Künstler zu erfahren. Co-Kuratorin ist Anna Sabrina Schmid vom Harburger Kunstverein in Hamburg. Der Westfälische Kunstverein bietet drei Kuratorenführungen zu der Schau an, die offiziell keinen Titel hat, sondern die Wiederholung als ein Piktogramm zeigt.

In Münster geht es weniger darum, neue orginäre Werke zu präsentieren, als vielmehr eine Kunst zu zeigen, die auf Zusammenhänge setzt.

Matti Braun hat mit Textilfarbe eine Reihe Batiken auf Seide geschaffen. Mit Hilfe von Wachs hat er eine Rechteckform mit feinem Strahlenkranz versehen, so dass die „Atol“-Bilder (2008/9) aus der Distanz ein wenig dreidimensional wirken. Wiederholt wird bei dieser Kulturtechnik die Färbung des Stoffs. Ausgangsmaterial für Matti Braun sind vier Sarongs. In Indonesien werden diese schlauchartigen Kleidungsstück getragen. Die Niederländerin Elizabeth van Zuylen hat Baumwoll-Batiken (1900-40) mit Blüten-, Pflanzen- und Tiermotiven versehen und mehrfarbig ausgearbeitet. Es sind Genrebilder, von denen sich Matti Brauns abstrakte Motive unterscheiden. Reizvoll sind der Transfer und die Ergebnisse der Kulturtechnik.

Dagegen instrumentalisiert Alexandra Leykauf die Wiederholung, um Präsentationsformen im Museum zu hinterfragen. Sie fotografierte historische Sammlungen, die in Vitrinen ausgestellt sind: eine Ritterrüstung beispielsweise und kleinere Objekte. Aufgrund der Spiegelungen im Bild und den vergrößerten Fotografien (Körnung) wirken die auf Quader und einem achteckigen Körper gezogenen Bilder wie visuelle Ausschussware. Die Arbeiten von 2011 „Vitrine 3 (Schwert)“ und „Vitrine 4 (8-Eck)“ regen Fragen zu Original und Ausstellungsarchitektur an, die seit 30 Jahren diskutiert werden. Die „Denkfigur“, die Alexandra Leykauf entwirft, hat wenig Erhellendes zu bieten. Sie ist selbst eine Wiederholung.

Weitere Arbeiten sind von Natalie Czech, Ruth Buchanan, Saâdane Afif und Rachal Bradley zu sehen.

Bis 27. Juli; di-so 11 bis 19 Uhr; Kuratorenführungen am 22. Mai, 13. Juni (beide 18 Uhr), 6. Juli (14 Uhr). Tel. 0251/46157; außerdem wird eine Filmreihe mit dem filmclub münster angeboten; www.

westfaelischer-kunstverein.de

Quelle: wa.de

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