„Wie der Reitsport nach Westfalen kam“

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Das Landgestüt in Warendorf stellte sich vom schweren Arbeitstier (r.) auf das elegante Reitpferd um. Szene aus dem Film „Wie der Reitsport nach Westfalen kam“. ▪

Von Bernd Luig ▪ WARENDORF–Der „kühne Ritt“ von den Olympischen Spielen 1956 in Stockholm weckt noch immer Gefühle. Werner Wagner überkommt Rührung, wenn er von der schweren Verletzung von Hans Günter Winkler und der grandiosen Leistung seines Pferdes spricht. „Halla, die hat ihn so über die Hindernisse getragen. Das war Liebhaberei“, schwärmt der pensionierte Hauptsattelmeister des nordrhein-westfälischen Landgestüts in Warendorf. Die Einrichtung steht im Zentrum der Dokumentation „Wie der Reitsport nach Westfalen kam“ heute im WDR-Fernsehen.

Autorin Ulla Lachauer führt mit vielen eindrucksvollen Originalaufnahmen und pointierten Erinnerungen von Zeitzeugen einen fast vergessenen Wandel vor Augen. Wo früher „gewichtige Ackergäule“ gezüchtet wurden, um zum Beispiel die schweren Lehmböden der Soester Börde zu pflügen, steht inzwischen das „leichtfüßige, vornehme Reitpferd“ im Vordergrund. Zur „Pferdekraft“ habe es „bis vor zwei, drei Generationen keine Alternative gegeben“, heißt es in der Rückblende.

Erst die zunehmende Motorisierung in der Landwirtschaft leitet vor rund 50 Jahren radikale Veränderungen ein. Hundertausende der ausgedienten Arbeitstiere landen in den Schlachthäusern vor allem in Italien und in Frankreich. Im Münsterland gibt es zwar schon seit der Zeit nach 1920 Reitervereine, doch diese elitäre Freizeitgestaltung gilt lange als verpönt. In den Sattel hieven sich die Bauernburschen vor allem beim Militär.

Josef Selhorst aus Herbern zählt zu den Ersten, die nach der Feldarbeit aufs Pferd stiegen und sich manch spöttische Bemerkung anhören mussten. Der „Vorreiter“ demonstrierte auch mit, als Gleichgesinnte im März 1963 in der Westfalenhalle in Dortmund ihre Sorge um den Verlust eines Kulturgutes klar artikulierten: „Das Pferd muss bleiben“. Bei der Protestveranstaltung spannten sie neben Kutsch-, Zug- und Ackertieren auch Sportpferde ein.

Gisbert Strotdress, Historiker aus Münster, sieht das Wirtschaftswunder als eine Triebfeder dafür, dass sich das Reiten zum Volkssport entwickeln konnte. „Der Zahnarzt wird Bauer – im übertragenen Sinne.“

Für Susanne Schmitt-Rimkus, der Leiterin des Landgestüts in Warendorf, ermöglicht das Reiten ein „neues Lebensgefühl“ – „ein erhabenes und leichtes Gefühl“. In Westfalen genießen das regelmäßig Mitglieder in über 500 Reitvereinen. Die heutigen Bedingungen konnte Alfons Lütke-Westhues nicht erahnen. Der Olympiasieger von Stockholm 1956 – ein „echter Bauer“ – musste vier Jahre später auf seinen Start in Rom verzichten. Wegen des schlechten Wetters hatte sich die Ernte verzögert.

WDR-Fernsehen, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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