Herbert Fritsch inszeniert „Emilia Galotti“ in Oberhausen

Fiese Tricks in jeder Lebenslage findet Kammerherr Marinelli: Szene aus „Emilia Galotti“ in Oberhausen mit Jürgen Sarkiss und Nora Buzalka. J

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN–Statt Trauer tragen die elf Schauspieler knallbunte Röcke und turmhohe Allongeperücken. Ihre mit weißer Schminke zugekleisterten Gesichtszüge werden durch Maskara und Lippenrot grell überschrieben.

Sie reden auch nicht, sondern kreischen, schreien, piepsen, flöten, drücken sich aus in überdrehter Künstlichkeit. Und zu allem spielt Otto Beatus am Klavier, etwas dezenter als Wolfgang M. maskiert, Motive zwischen „Zauberflöte“ und g-moll-Sinfonie. Herbert Fritsch entzieht Gotthold Ephraim Lessings bürgerlichem Trauerspiel „Emilia Galotti“ am Theater Oberhausen alles Pathos. Hier tanzen die Puppen und trällern wie einst die Swingle Singers Klassik als Soundtrack.

Herbert Fritsch ist der Regisseur der Stunde. Gleich zwei seiner Inszenierungen waren zum Berliner Theatertreffen eingeladen, darunter, sensationell, seine Deutung von Ibsens „Nora“ am Theater Oberhausen. Nun legt er nach mit Lessing. Sehr fern vom Heute ist das Drama um die Bürgerstochter, der ein Prinz so sehr nachstellt, dass nur ein Ehrenmord von Vaters Hand sie vor einem schlimmeren Schicksal als dem Tod bewahrt. Vielleicht kann man es nicht anders ernst nehmen als so: indem man in eine Farce verwandelt, ein atemloses böses Lachtheater.

Keine Psychologie. Nur Charaktermasken wie aus dem „Punch“-Puppentheater oder aus einem Tim-Burton-Film agieren in diesem Intrigenspiel. Zweieinviertel Stunden lang, anders, als ursprünglich geplant, ohne Pause eilt das wunderbar geschlossene Ensemble durch die blutige Geschichte.

Den Prinzen Gonzaga legt Martin Hohner als einen mental stark zurückgebliebenen Faust aus. Er begehrt die schöne Emilia mit der rücksichtslosen Gier, die ein Kleinkind auf ein Spielzeug richtet. Jürgen Sarkiss spielt den Kammerherrn Marinelli als das Gegenstück, eine Mischung aus Mephisto, Puck, Bully-Herbig-Figur und Schlange. Schon sein hautenges Streifenkostüm hebt ihn von den Mitspielern ab. Wo sie im Korsett der guten Sitten stecken, da windet er sich um alle Probleme herum. Diese schillerndste Figur des Abends erfüllt Sarkiss brillant mit Leben.

Die Titelheldin verkörpert Angela Falkenhain als irrlichternden Backfisch, mit einer naiven Lolita-Erotik, die Fragen nach Tugend gar nicht erst aufkommen lässt. Wenn sie sich vor dem Prinzen verbeugt, verharrt ihr Gesicht einen Moment zu lange vor seinem Schoß. Und ganz am Ende, als es darum geht, ob sie sich selbst ersticht oder ihr Vater den Dolch führt, da küsst sie dem alten Galotti die Hand auf, Finger um Finger, mit einer ganz untöchterlichen Zärtlichkeit. Sie selbst setzt die Waffe an, und dann treibt Odoardo Galotti (Torsten Bauer) die Waffe mit einer Umarmung in ihren Leib, und das ist dann eine Penetration im Freudschen, vielleicht Alice-Schwarzerschen Sinn. Nimmt man den tumben, machohaften Grafen Appiani (Martin Müller-Reisinger) hinzu, dem sie die Einzelheiten ihrer ersten Begegnung soufflieren muss, so zeigt sich, dass Emilia stets die Dumme ist. Ihr bleibt nur die Wahl, von wem sie, pardon: sich ficken lässt. Da setzt Regisseur Fritsch eine kritische Pointe, die unverhofft die grelle Verfremdung sprengt.

Denn bei allem Mummenschanz bleibt Fritsch dem Text erstaunlich treu. An wenigen Stellen brechen Gefühle durch, zum Beispiel wenn die abgelegte Geliebte (Nora Buzalka) den Prinzen um „wenigstens eine kleine Lüge“ anbettelt. Da sind immer wieder große Momente, zum Beispiel wenn sie Vater Galotti den Dolch reicht, was in einen Kampf um die Waffe mündet, wozu die restlichen Schauspieler das „dies irae, dies illa“ aus Mozarts Requiem intonieren.

Dieses grelle, schnelle Musiktheater befreit den Klassiker von aller Musealität. In der popkulturellen Travestie bewahrt Fritsch dem Drama einen aufklärerischen Impuls. Und zeigt die kreative Kraft der oft geschmähten Provinz.

28.9., 1., 9. 14., 21.10., 6.11., 21.12.;

Tel. 0208/ 8578 184

http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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