Stewardess, Soldat, Karnevalsprinz

Werkschau von Timm Rautert im Museum Folkwang

„Geishas im Zug“ (1970) auf einem Foto von Timm Rautert
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Timm Rauterts Foto „Geishas im Zug“ (1970) ist im Museum Folkwang zu sehen.

Timm Rautert gehört zu den wichtigsten deutschen Fotografen der Nachkriegszeit. Das Museum Folkwang in Essen zeigt seine Bilder.

Essen – Etwas unsicher wirkt Frau Liana Schneider, 33, Bodenhostess der Deutschen Lufthansa. Sie hat sich in ihrer Dienstuniform zurechtgestellt, um sie herum nichts, nur neutrales Grau. Sie sucht mit Standbein und Spielbein eine entspannte Position. Aber wie sie den Kopf neigt, mit der Rechten die Haare zurückstreicht, das zeigt ihr Unbehagen vor der Kamera.

Das Foto von 1974 gehört zum Projekt „Deutsche in Uniform“. Timm Rautert hat darin Menschen in ihrer Dienstkleidung porträtiert. Diese Serie formt einen soziologischen Querschnitt durch verschiedene Milieus. Der Bundeswehrsoldat hakt die Hände um die Hosenträger seines Kampfanzugs und stellt so mit geballten Fäusten Männlichkeit aus. Der Bundesbahnschaffner spielt seine Rolle mit der Pfeife im Mund und dem erhobenen Signalschild. Der Karnevalsprinz hat die Fröhlichkeit mit ausladender Geste und breitem Lachen im Bewegungsrepertoire. Die Diakonieschwester hingegen macht sich klein, indem sie vor dem Körper mit der Rechten ihr linkes Handgelenk hält. In der potenziell unendlichen Reihung gewinnen die Einzelbilder Aussagekraft über das Individuum hinaus.

Zu sehen sind die Arbeiten in der Ausstellung „Timm Rautert und die Leben der Fotografie“ im Essener Museum Folkwang. Mit mehr als 400 Fotografien wird das Schaffen des 1941 in Westpreußen geborenen Künstlers aus fünf Jahrzehnten ausgebreitet. Die Kooperation mit dem Bombas Gens Kunstzentrum in Valencia ist die bislang umfangreichste Werkschau.

Rautert ist einer der herausragenden deutschen Fotografen der Gegenwart. Er studierte von 1966 bis 1971 an der Folkwangschule in Essen bei Otto Steinert. Hier setzt die Schau ein, bringt frühe Fotos und sogar eine Aufgabenliste, die Steinert seinen Studenten gab. Die Folkwang-Ausbildung war praxisorientiert. Rautert arbeitete die Themen allerdings eigenwillig ab. So war ein Auslandsaufenthalt vorgeschlagen: Rautert wählte als Stationen unter anderem New York, wo er Künstler wie Andy Warhol, Franz Erhard Walther und die Architektur der Metropole aufnahm, und die Weltausstellung in Osaka. Schon vor seinem Abschluss arbeitete Rautert auch für Zeitschriften.

Das eindringliche Porträt seines Lehrers zeigt den eigenwilligen Zugriff des Fotografen: Otto Steinert ragt monumental vor dem Betrachter auf, sitzt auf einem verdeckten Hocker und sprengt gleichsam das Hochformat. Die Untersicht, das harte seitlich gesetzte Schlaglicht, das das Gesicht halb verschattet, die Zigarre, die blanken Schuhe vermitteln das Bild von jemandem, der andere nicht zu nah an sich heranlassen will.

Rautert wollte sein Projekt „Bildanalytische Photographie“ als Abschlussarbeit einreichen. Darin macht er sein Medium selbst zum Thema, zum Beispiel, indem er sein Material ausstellt, einen unbelichtet entwickelten Rollfilm und Fotopapier, das mit längerer Belichtungszeit immer dunkler wird. Für den Betrachter ist das sprödes Material. Aber es legt das theoretische Fundament für Rauterts weiteres Werk. Steinert nahm diese Arbeit nicht an. Stattdessen erlangte Rautert seinen Abschluss mit dem Projekt „Künstliche Welten“, bei dem er unter anderem das Fernsehprogramm vom Bildschirm ablichtete, was seinen medienkritischen Ansatz durchaus fortsetzt.

Berühmt wurde Rautert unter anderem mit aufwendigen Bildstrecken, die sich Zeitschriften wie das Zeit-Magazin, Merian und Geo in den 1970er Jahren gönnten. Da begleitete er einen türkischen Gastarbeiter zurück in seine anatolische Heimat. Er lichtete Kinder ab, deren Mütter in der Schwangerschaft das Schlafmittel Contergan genommen hatten, wodurch schwere Behinderungen erzeugt wurden. Rautert fotografierte in Hamburg in Notunterkünften für Obdachlose. Er wählte für seine Bilder das Hochformat, um die beengte Situation in den für Wohnzwecke ungeeigneten, oft heruntergekommenen Bauten zu unterstreichen. Einzigartig sind seine Langzeitreportagen, bei denen er sich 1974 bei den Amish und 1978 bei den Hutterern aufhielt, zwei religiösen Gemeinschaften, die das Posieren für Fotos für eitel halten und ablehnen. Fünf Jungen an einem Maisfeld senken vor dem Fotografen ihre Köpfe, so dass ihre Gesichter von den großen Hüten verdeckt werden. Auf einem Bild von den Amish sieht man ein Brett an einem Baum mit der Aufschrift: „No photographing“. Rautert gewann durch lange Anwesenheit das Vertrauen der Gemeinschaften zumindest soweit, dass sie seine Arbeit duldeten.

Allerdings wandelte sich der Medienmarkt in den Folgejahren: Magazine sparten, so dass derart aufwendige Reportagen nicht mehr finanzierbar waren. Rautert orientierte sich um, fotografierte für die Industrie zum Beispiel immer wieder für Porsche, wie 2006 im Automobilwerk in Leipzig, wo für die Arbeit immer weniger Menschen nötig sind.

Von 1993 bis 2006 übernahm Rautert eine Professur für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Seine eigenen Fotoarbeiten knüpfen an die bildanalytische Fotografie an, er verschränkt Fotoarbeiten mit gefundenem Material zu Montagen. Auch diesen komplexen Arbeiten widmet die Schau Raum, einschließlich der Rauminstallation „L‘Ultimo Programma“, einer fiktionalen Erzählung mit Text- und Bildelementen.

Bis 16. Mai, di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Besuch mit Zeitfenster-Ticket und aktuellem negativem Corona-Schnelltest,

Tel. 0201 / 88 45 444

www.museum-folkwang.de

Katalog, Steidl Verlag, Göttingen, 38 Euro, im Buchhandel 48 Euro

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