Werke von Leiko Ikemura im Sauerland-Museum

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Leiko Ikemura vor „Blue Horizons“ im Sauerlandmuseum Arnsberg. ▪

Von Marion Gay ▪ ARNSBERG–Das Mädchen liegt auf der Erde. Im Schlaf drückt es eine blaue Katze an sich. Aber so genau lässt es sich nicht ausmachen, wo der Körper des Mädchens beginnt, wo der Körper der Katze. Die beiden scheinen miteinander zu verschmelzen. Das Bild „Lying with Blue Miko“ (2007/08) ist eins von rund 100 aktuellen Werken – Gemälden, Papierarbeiten, Fotografien und Skulpturen – von Leiko Ikemura, die das Sauerland-Museum in Arnsberg präsentiert.

Die großartige Schau findet anlässlich der Vergabe des August-Macke-Kunstpreises statt, den die in Köln und Berlin lebende Künstlerin im letzten Jahr erhielt. Der Preis, der im dreijährigen Turnus verliehen wird, erinnert an den in Meschede geborenen Künstler, der zu den großen Koloristen des 20. Jahrhunderts zählt. Auch Ikemuras Werk besticht durch enorme Farbigkeit, die trotz ihrer Intensität gleichzeitig etwas Zartes hat. Die Künstlerin trägt die Farbe so behutsam auf, dass die textile Struktur der Leinwände durchschimmert, die Arbeiten transparent und flüchtig wirken.

Bilder wie „Blue Horizons“ (2007) leuchten nur so von den Wänden. Die Körper der drei Mädchen strahlen in Blau, ihre Haare flirren in Gelb. Um sie herum zerfließt die Landschaft in Gelb- und Blautönen. Alles wirkt leicht und durchscheinend, wie Wasser im Sonnenlicht, eine Landschaft, in der sich die filigranen Figuren beinah verlieren.

Mädchen durchziehen das Werk der 1951 in Japan geborenen Ikemura. Meist liegen sie auf dem Boden, selbstvergessen, schlafend. So zeigt „Lying high“ (2009) ein Mädchen in gelber Hose und mit gelbem Haar, gekrümmt auf dem Boden liegend. Ihre Augen blicken träumend ins Leere. Immer sind es zarte Wesen, die wie aus dem Nebel auftauchen, deren Körper zu schweben scheinen. Auch die „Fallende“ (Gemälde von 2006/07) ist so ein Luftgeschöpf. Ihre Beine sind noch im Himmel, Arme und Kopf auf dem Boden. Dagegen konzentriert sich die Aquarell-Serie „Wild Girl Face“ (2009) auf die Gesichter der Mädchen. Augen und Münder verschwimmen, Haare und Kopfschmuck lösen sich auf. Noch deutlicher zeigt sich das Thema der Auflösung bei den Fotografien, die unscharf und verwackelt wie Traumbilder wirken. Die Mädchen erscheinen als Geisterwesen, die sich mühelos zwischen Himmel und Erde bewegen, Grenzgängerinnen zwischen den Welten.

Ikemura selbst lebt ihr kulturelles Grenzgängertum schon seit fast 40 Jahren. 1973 verließ sie Japan, um in Spanien zu studieren. Später wechselte sie in die Schweiz und zog Mitte der 80er-Jahre nach Deutschland. Das Reisen und Fremdsein ist wichtig für sie, es schärft ihre Wahrnehmung und birgt Freiheit. In einer Stadt am Meer aufgewachsen, ist vor allem Wasser für sie von Bedeutung. Elemente wie Nebel, Regen und Licht spielen in ihrem Werk eine wichtige Rolle, sichtbar z.B. im Bild „Lago with Tiger“ (2009): Dunkel und scheinbar unberührt ragen die Berge am Ufer des gelb-orangenen Sees auf. Dunstige Schleier ziehen über die Wasseroberfläche, die Feuchtigkeit ist fühlbar. Vorn duckt sich ein Tiger, der in seiner grau-violetten Farbe und der stillen Anmut wie ein Felsen wirkt. Ähnlich sind auch Ikemuras Skulpturen von Anmut durchdrungen. Besonders berührend die „Hockende“ (1997): Mit gebauschtem Rock liegt die zierliche Tonfigur auf dem Boden. Sie stützt sich auf die Arme, ihre Hände sind in den Augenhöhlen verborgen. Hier verschmilzt das Tasten mit dem Sehen.

Quelle: wa.de

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