Werden der Welt: Morgner und Barlach in Soest

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Wilhelm Morgners Zeichnung „Zwist“ (1911), zu sehen im Soester Wilhelm-Morgner-Haus. ▪

Von Bettina Boronowsky ▪ SOEST – Zwei Zeichnungen umrahmen ein Bronze-Relief – augenscheinlich stammen sie von ein und demselben Künstler. Alle drei zeigen den gleichen Schwung, den gleichen Tenor, die gleiche künstlerische Auffassung. Erst beim genauen Hinschauen erkennt der Betrachter, dass hier zwei Künstler am Werk waren: Während Wilhelm Morgner (1891-1917) die beiden Blätter 1912 zeichnete, stammt die Plastik von Ernst Barlach (1870-1938) aus dem Jahre 1916/17. Solche verblüffenden Parallelen gibt es immer wieder in der Ausstellung „Ernst Barlach – Wilhelm Morgner“ im Soester Museum Wilhelm-Morgner-Haus.

In über 200 Exponaten stellt die Schau zwei Künstler gegenüber, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Kunstszene prägten. Der junge, im „Großen Krieg“ gefallene Morgner und der ältere Barlach hatten gemeinsame Freunde wie Theodor Däubler und Will Frieg. Morgner wie Barlach fanden ähnliche ästhetische Antworten auf die Frage nach neuen Werten. Beide sprechen ähnlich über das „Werden der Welt“.

Das zeigt die umfangreiche Ausstellung über das gesamte Museum in drei Bereichen. Schon früh geht es um die Figur. Die Kunst will den Menschen aus dem realen Alltäglichen befreien und ihm den Blick für den dahinter liegenden metaphysischen Sinn öffnen. Barlach reagiert auf die Fragen symbolisch-expressionistisch. Seine Menschengestalten sprechen in Gebärden. Für Morgner verbinden sich in der menschlichen Figur Kreatur und Kosmos.

Ein zweiter Bereich ist dem künstlerischen Ich-Bewusstsein gewidmet. Während Morgner mit jugendlichem Elan auf der Suche ist, hat die Kunst für Barlach eine soziale Dimension. Er will durchaus philosophisch-erzieherisch wirken. Unter dem Eindruck der Weltkriegszeit schreibt er 1919: „Kinder, denkt daran, dass es so, wie es ist, trostlos mit uns aussihet, und rettet euch, wenigstens in der Idee, in ein würdigeres Dasein, da ihr euch ja nicht alle umbringen könnt!“

Schließlich geht es um die Hinwendung zum Religiösen. Die heute kaum nachvollziehbare Kriegsbegeisterung der beiden Künstler kühlt sich ab, an ihre Stelle treten Ernüchterung und Nachdenklichkeit. Beide widmen sich verstärkt religiösen Motiven. Von Morgner ist das letzte Bild überliefert, das er wohl noch im Schützengraben in eine Dose kratzte: Es ist eine Kreuzigungsszene. Von Barlach zeigt die Ausstellung den Kopf eines Kruzifixes.

Die Ausstellung wird ergänzt durch Schriftstücke und Fotos aus dem Nachlass Barlachs und Morgners. Einen Großteil hat Walter Weihs zur Verfügung gestellt, der das Morgner-Archiv in Soest verwaltet. Von ihm stammt auch die Schrift „Und sie trafen sich doch“, in der er aufzeigt, dass sich die beiden Künstler entgegen früherer Vermutung wohl persönlich begegnet sind.

Die Stadt Soest und der Kunstverein Soest kooperierten zu der Ausstellung mit der Ernst Barlach Museumsgesellschaft Hamburg.

Quelle: wa.de

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