„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ in Oberhausen

Hier wird gekämpft und nicht gekuschelt: Szene aus „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ in Oberhausen mit Elisabeth Kopp und Henry Meyer als Martha und George. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN–Das Pärchen steht in der Tür, als wäre dies Draculas Schloss und nicht die Wohnung von Martha und George. Nur Blitz und Donner fehlen. Sonst aber passt die Anmutung bestens: Nick und Honey, das junge Pärchen, werden zu Waffen ihrer Gastgeber in schmerzlichen Spielen wie „Bums die Hausfrau“ oder „Mach die Gäste fertig“, erst benutzt, dann abgeschoben. Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ beginnt am Theater Oberhausen wenig überraschend.

Intendant Peter Carp gibt dem Geschlechterkampf-Drama keine grundlegend neue Perspektive. Was nicht schaden muss. Man sieht also im Prinzip, was schon Elisabeth Taylor und Richard Burton im oscar-gekrönten Film von 1966 zeigten. Auch hier also zerfetzen Martha und George sich rücksichtslos ihre in 20 Ehejahren wund gescheuerten Seelen, befeuert von immer neuen Drinks und inspiriert von der Unschuld ihrer Besucher. Die hat Martha eingeladen, ohne George vorher davon zu erzählen. Am Ende stirbt der Sohn des eigentlich kinderlosen Paars, den sie für ihr vertraulichstes Spiel erfunden hatten.

Wer kennt den Unterschied zwischen Wahrheit und Illusionen, das fragt George am Ende. Carp versucht, die Grenzen auf der Bühne ein wenig zu verwischen. Im Video kommen Martha und George heim durch einen üppigen Garten. Ihre Wohnung freilich bietet keine Gemütlichkeit: Vor einer einzelnen Wand mit der Eingangstür erstreckt sich die fast leere Bühne, mit nur einem Tisch und einem Teppich. Da wird die Aufforderung an die Gäste, sich doch zu setzen, gleich zum frivolen Scherz. Die Drehbühne aber bringt die Wand in Bewegung, mal rückt sie vor, mal zur Seite. Es gibt hier keine Sicherheiten, nicht mal bei den einfachsten äußerlichen Umständen wie den vier Wänden. Später wird die Wand gedreht, ihre Rückseite bietet den Professoren-Salon auf engstem Raum, mit Kühlschrank, Sessel, Bücherregalen und Bildern. Auch die Musik von Jan-Peter E.R. Sonntag, die melodisches Material des Cool Jazz in sphärisch-atonale Klangflächen übersetzt, hebt das Geschehen ins Unwirkliche.

Doch diese Momente treten zurück, wenn die Darsteller sich attackieren. Wobei es keine Schläge gibt, Worte verletzen ohnehin schmerzhafter. Elisabeth Kopp ist eine muntere Martha, deren schwache Stellen man erst relativ spät entdeckt. Aufgekratzt tanzt sie zu ihrem Kindergeträller „Wer hat Angst ...“, und sie setzt offensiv ihre körperlichen Reize als Lockmittel ein. Ihre Bosheit aber bleibt oft Behauptung. Henry Meyers George erscheint dagegen von Anfang an gebeugt, seine Reserven kommen weniger aus der Physis als aus der Erfahrung, der Gerissenheit. Er weiß, wo er wehtun kann. Martin Hohner spielt als Nick schön das Befremden eines Neuankömmlings, der eigentlich nur der Höflichkeit genügen will, dann aber tiefer verstrickt wird, als ihm lieb ist. Und Manja Kuhl als Honey gibt ein bezaubernd naives Blondchen.

Die vertraute Geschichte spielen sie in Oberhausen engagiert. Nur der Sinn der Pause erschließt sich nicht, die den Abend auf mehr als zweieinhalb Stunden dehnt. Der Premierenbeifall ist durchaus verdient, auch wenn die Beziehungsabgründe und Gefühlsentblößungen heute nicht mehr so berühren wie einst.

20.11., 16., 17.12.,

Tel. 0208/ 85 78 184,

http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare