Wim Wenders dreht „Pina“ mit Tanztheater Wuppertal

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Thusnelda Mercy, Dominique Mercy und Clementine Deluy (rechts) in dem Film „Pina“ von Wim Wenders. ▪

Das Kino war immer ein Ort, der Überraschungen. Was gibt es zu sehen? Am Anfang in den Jahrmarktsbuden, dann in den noblen Lichtspielhäusern, den „Tempeln“ für Cinemascope-Produktionen, den Auto-, Programm- und Multiplex-Kinos. Immer geht es um den Moment, den man nicht erahnt. Das diese Bildmagie des Kinos mit Hilfe der 3D-Technik zum neuen Lockstoff fürs Publikum geworden ist, beschäftigt die ganze Filmbranche. Aber was liefert 3D über den Effekt hinaus? Von Achim Lettmann

Der Regisseur Wim Wenders, der der international am meisten gewürdigte Filmemacher aus Deutschland ist, hat diese neue Technik erstmals für einen Dokumentarfilm eingesetzt, der hierzulande entstanden ist. Ihm ist mit „Pina – Tanzt, tanzt sonst sind wir verloren“ eine Zäsur für das Genre des Tanzfilms gelungen. Vorbei ist die Zeit der hastigen Schnitte, die den Tänzern in „Footlose“ (1984) oder „Chicago“ (2002) Tiefe und Raumbewegung gegeben haben. Oder nur eine Hilfe waren, um die Schwächen einiger Schauspieler (wie Richard Gere) beim Tanz zu kaschieren.

Wenders Blick auf die Kunst der Wuppertaler Choreografin und Tänzerin Pina Bausch (1940-2009) ist eine Offenbarung. Er arbeitet sich nicht an ihrer Karriere ab. Wenders demonstriert souverän, abmessend und letztlich ergreifend, was das „Tanztheater“ ausmacht. Er hatte noch mit Pina Bausch zusammen die Choreografien ausgewählt, die zur Grundlage des Films geworden sind. „Le sacre du printemps“ (1975), „Café Müller“, „Kontakthof“ (beide 1978) und neben den Klassikern der frühen Jahre noch „Vollmond“ (2006). Dann starb Bausch kurz nach ihrer letzten Premiere in Wuppertal, und Wenders setzte erst wieder an, als ihn das Tanzensemble drängte. So ist es ein Film „für Pina“ geworden.

Also eigentlich kein Dokumentarfilm, der auch immer aus dem zufälligen, dem uninszenierten Moment lebt. Denn einige ihrer Tänzerinnen und Tänzer kommen zu Wort und sagen, wie sie von Pina Bausch berührt, beeinflusst wurden. Das sind keine Augenzeugenberichte, sondern essentielle Einsichten, die über Jahre gewachsen sind. Wie von Julie Shanahan und Dominik Mercy, der nun Leiter des Tanztheaters ist.

Pina Bausch ist nur selten zu hören, im Tanzsaal, bei den Proben, aus dem Off – nicht beim Plaudern im Foyer. Sie hat ihre Kunst nicht offiziell erklärt. Sie hat mit ihrem Ensemble Bewegungen gefunden, die aus dem Innersten des Menschen rühren: Schmerz, Leid, Liebe und Scham hat sie neu dekliniert. Und in dem Film „Pina – Tanzt, tanzt sonst sind wir verloren“ wird der Zuschauer mit ins Wuppertaler Schauspielhaus genommen, auf die Bühne, ja in die Bewegung, in den Raum zwischen den Tänzern hinein. Im Kino ist der Theatervorhang greifbar, ein rotes Tuch, die Schlafende, die auf der Erde liegt. Hinreißend!

Wim Wenders hat großes Glück mit Pina Bausch, denn sie bringt einige Bilder gleich mit. Peter Pabst, ihr Bühnenbildner, stellt Stühle auf, lässt Erde heranfahren und Wasser spritzen. Das 3D-Kino entfesselt eine brillante Materialität, die fühlbarer scheint als im Theater selbst. So bietet das Kino auch in „Pina“ das, was es immer konnte – illusionäre Übertreibung.

Getanzt wird in der Wuppertaler Schwebebahn, im Steinbruch, unter der Stadtautobahn und in den Industriedenkmälern des Ruhrgebiets. Wenders demonstriert, wie regional verortet ihre Kunst ist und zeigt, wie grandios und zartfühlend zugleich ihr Tanz in der Kulturlandschaft aufgeht. Die filmische Porträtkunst ist um eine Variante reicher. Und Wenders beweist nach „Buena Vista Social Club“ (1999) das er den „Dokumentarfilm“ noch weiter entwickelt hat.

Der Film

Ein epochaler Film für den Tanz und das Kino.

Regie: Wim Wenders

Darsteller: 42 Tänzerinnen und Tänzer des Wuppertaler Tanztheater Pina Bausch

Dauer: 100 Minuten

Wertung: +++++

Quelle: wa.de

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