„Weltklasse“: Düsseldorfer Malerschule im Museum Kunstpalast

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Gemaltes Theater: Theodor Hildebrandts „Ermordung der Söhne Eduards IV.“, zu sehen in Düsseldorf. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DÜSSELDORF–Arglos schlafen die Knaben im Himmelbett. Der blondlockige Jüngere hat den Arm auf die Brust seines Bruders gelegt. Finster schleichen sich aus dem Hintergrund die Mörder an. Vor diesem Krimi stockte einst dem Publikum der Atem. Dabei sieht man eine literarische Szene. Theodor Hildebrandt malte 1835 die „Ermordung der Söhne Eduards IV.“ nach Shakespeares „Richard III.“.

Das Gemälde im Museum Kunstpalast vereint viele Qualitäten, die man mit der Düsseldorfer Malerschule verbindet. Zunächst gehört es zur Königsklasse der Historienmalerei. Es erzählt seine Geschichte dramatisch. Hildebrandt führte es in einem altmeisterlichen Duktus aus, umreißt Figuren realistisch, wendet viel Sorgfalt auf die Textur von Stoffen, auf Faltenwürfe und Haut. Und der heutige Betrachter ist geneigt, es ziemlich kitschig zu finden. Da erscheint es anmaßend, wenn das Museum seine Übersichtsausstellung über die Düsseldorfer Malerschule „Weltklasse“ betitelt. Aber so viel Provokation darf sein. Unter den 450 ausgestellten Bildern findet man auch solche von hoher Qualität.

Vor allem aber kann man den Titel rein faktisch verstehen. Was zwischen 1819 und 1918 an der Düsseldorfer Kunstakademie gelehrt wurde, das strahlte aus rund um die Welt. Eine Weltkarte belegt es: Aus Indien, den USA und Russland kamen Maler an den Rhein, um ihr Handwerk zu lernen. Nicht nur die Maler, die am Rhein ausgebildet wurden, trugen zur weltumspannenden Wirkung der Schule bei. Speziell ihr zweiter Direktor Wilhelm von Schadow, der die Akademie von 1826 bis 1859 leitete, prägte ihren Ruf. Schon 1849 gab es in New York eine „Düsseldorf Gallery“. Die Bilder wurden exportiert, begeisterten Kunstfreunde in New York und Philadelphia, in St. Petersburg und Paris. 4000 Künstler ordnen die Kunsthistoriker heute der Malerschule zu. Der berühmteste mag Emanuel Leutze sein, dessen Gemälde „Washington überquert den Delaware“ (1851) zu einer Ikone des US-Nationalgefühls wurde. Dieses Schlüsselwerk kam nicht aus dem Metropolitan Museum nach Düsseldorf, wo es geschaffen wurde. Aber aus dem Museum of Fine Arts in Boston, der Tretjakow Galerie in Moskau, der Eremitage in St. Petersburg und dem Louvre in Paris sind Bilder zu sehen. Der Kunstpalast kann zudem die Richtung dokumentieren wie kein zweiter Ort, verfügt er doch über mehr als 1000 Gemälde und rund 5000 Arbeiten aus Papier.

Die Düsseldorfer Malerschule polarisiert das Publikum. Viele Menschen lieben es, wenn ein Bild zu ihnen spricht. Wirkmächtig formulierten dei Werke, was ein bürgerliches Publikum schön findet. Vieles davon wirkt fort bis in die Gegenwart. Das kann die süße Frömmigkeit sein wie in Theodor Mintrops „Maria mit dem Jesuskind und Johannes“ (1852). Den Nationalstolz sprach Carl Friedrich Lessings „Die Schlacht bei Ikonium im Jahr 1190“ (1828/29) an, ein wildes Getümmel um Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der als edler, tapferer Heros stilisiert wird. Im Gebirge braucht man den Menschen nicht, das „Wetterhorn“ (1838) stürmt bei Johann Wilhelm Schirmer den Himmel, ein Wasserfall rauscht zwischen hohen Tannen. Die Natur wird zum Fluchtfeld der Fantasie. Gern bieten die Maler Gemütlichkeit, zum Beispiel Christian Boettcher in seiner „Sommernacht am Rhein“ (1862), wo er uns zu Augenzeugen einer feiernden Gesellschaft zwischen Kerzenschein und Mondlicht macht. Heute trennt den Betrachter die historische Distanz von diesen Werken, von ihrem Pathos und ihrer Vordergründigkeit. Wilhelm von Schadows Hauptwerk, ein fast zehn Meter breites Triptychon „Purgatorium – Paradies – Hölle“ (1848-52) nach Motiven von Dantes „Göttlicher Komödie“ offenbart die Theatralik, das Posenhafte überdeutlich. Die Moderne hat gesiegt über diese akademische Richtung.

Die Ausstellung blendet das nicht aus, dokumentiert die künstlerischen Richtungskämpfe. Auf dem damaligen Kunstmarkt behauptete sich die Schule, gegenüber ästhetischen Neuerungen wie dem Impressionismus schottete sie sich lange ab. Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert finden sich zaghafte Versuche in den neueren Stilrichtungen, zum Beispiel bei Max Stern mit dem Wirtshausbild „Auf dem Ananasberg“ (1910) und Walter Ophey mit der pointillistischen „Küste bei Positano“ (1910).

Die Schau zeigt ihre Stärken gerade in der Breite. Neben den glatten Madonnen findet man dann das hinreißende Porträt, das Bertha Wegmann 1881 von ihrer schwedischen Kollegin Jeanna Bauck schuf. Man findet Landschaften des in Soest geborenen Otto Modersohn und von Christian Rohlfs, der zwar nicht in Düsseldorf studiert hatte, aber dort ausstellte. Man sieht, wie Oswald Achenbach, einer der Heroen der Düsseldorfer Landschaftsmalerei, sich dem Impressionismus nähert. Man sieht, zu welch überfeinerten Steigerungen die amerikanischen Luministen das führten, was sie am Rhein gelernt hatten. Man findet eine geradezu hollywoodreif blutrünstige Geschichtsfantasie wie Emanuel Leutzes „Eroberung des Teocalli Tempels durch Cortés und seine Truppen“ (1849). Und es gibt eben auch eine politisch erwachende Kunst wie in Arthur Kampfs monumentalem Bild „Die letzte Aussage“ (1886): Ein fast nackter Sterbender wird von einem Polizeibeamten verhört, ein Sinnbild des erbarmungslosen Obrigkeitsstaats.

bis 22. 1.2012, di – so 11 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0211/ 899 02 00, http://www.smkp.de,

Katalog, 2 Bde., 49,90 Euro, im Buchhandel Michael Imhof Verlag, Petersberg, 68 Euro

Quelle: wa.de

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