Weegees radikale New-York-Bilder sind in Oberhausen zu sehen

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„Andy Warhol & Weegee“ in New York (um 1960). Beide stilisieren sich, der hardboiled Fotograf mit Zigarillo und der coole Künstler. - Foto: Museum

Von Achim Lettmann OBERHAUSEN - Sie strahlen, die Menschen in Harlem, dem Schwarzenviertel New Yorks. Ins Licht rückt sie ein Fotograf, der sich in Manhattan nicht scheut, die unbeliebten Ecken zu suchen: „Ostersonntag in Harlem“ (1940). Weegee nennt er sich, und Weegee sorgt dafür, dass es Fotografien von Afroamerikanern gibt, die sie als Teil der Gesellschaft zeigen und nicht nur als Ziel für Rassendiskriminierungen.

In der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen startet am Samstag eine Ausstellung, die das fotografische Werk eines Chronisten in rund 100 Bildern ausbreitet: „Weegee – The Famous“. Weegee alias Arthur Fellig (1899–1968) hat wie kein anderer New York in den 30/40er Jahren als brutale, virile und gierige Metropole ausgeleuchtet. Seine Schnappschüsse (natürlich noch in Schwarzweiß) und inszenierten Fotografien haben ihn berühmt gemacht. Vor allem seine nächtlichen Aufnahmen von Gewalttaten charakterisieren den jüdischen Einwanderer als rigiden Zeitzeugen, der die Facetten des Voyeurismus bediente. Wenn die Feuerwehr bei einem Brand Mutter und Tochter retten konnten, ging Weegee ganz nah ran und lichtete die weinenden Frauen ab. Dass noch eine Tochter im brennenden Mietshaus zurückblieb, dramatisiert diese Momentaufnahme. Weegee titelte 1939: „Ich weinte, als ich diese Aufnahme machte.“ Das Foto ist unscharf, aber authentisch.

Weegee wird Teil des Ereignisses und macht die Bildbetrachtung zu einem Schmerz. Für solche emotionalen Erschütterungen hatte er ein Gespür und für kompositorische Qualität ein Gefühl.

Weegee, 1899 in Złoczew (heute Polen) geboren, kam 1910 in die USA. Aus seinem Rufnamen Usher machte die Einwanderungsbehörde „Arthur“. Blechfotos (Ferrotypien) verkaufte er als 14-Jähriger auf der Straße. Sein Vater war gläubiger Jude und mit dem Handkarren als Verkäufer unterwegs. Weegee verließ die enge Wohnung als 18-jähriger. Mit Jobs und Porträtfotos hielt er sich über Wasser. Bei einer Fotoagentur arbeitete er nur in der Dunkelkammer und kündigte enttäuscht 1935. Er wurde selbstständig und musste besser sein als die Fotografen der Zeitungen und Magazine. Er spezialisiert sich auf Verkehrsunfälle, Verbrechen, Brände und vor allem Morde bei Nacht. „Murder ist my business“, sagte Weegee einmal. Er freundete sich mit Polizisten, Feuerwehrleuten und Zeugen an, um Infos zu bekommen. 1938 erhielt er die Erlaubnis, den Polizeifunk abzuhören, als erster. Weegee war oft vor den Cops am Tatort. So hat jedes Foto eine Geschichte.

Die Ausstellung in Oberhausen dokumentiert diese Stories in ausführlichen Bildtexten. Die Schau ist in Kapitel unterteilt: Jazz, Krieg, Gefängniswagen, Hinter der Bühne, Männer, Sammy’s Bar.... In den 80er Jahren wurden Negative aus dem Nachlass Weegees abgezogen. Das Bildkonvolut zu „The Famous“ entstand ab 1990, als die Firma Kodak ein Kulturprogramm auflegte. Bis 2001 wurden zwei bis drei Ausstellungen im Jahr kuratiert. Das Institut für Kulturaustausch in Tübingen arbeitete mit Kodak zusammen und erhielt „Weegee – The Famous“. Christine Vogt von der Ludwig Galerie und ihr Team richteten mit diesem Fotomaterial die Schau ein.

Es sind einfach bewegende Bilder. Trompeter Louis Armstrong ist mit freiem Oberkörper zu sehen, Marilyn Monroe lässt ihr Gesicht 1960 von Weegees Tricktechnik verzerren, Clarke Gable wird von Henry Fonda und Betty Davies eingerahmt. Die Hollywoodstars sind nur halb zu sehen, aber ihre Aufmerksamkeit – für was auch immer – ist fassbar. Emotionen.

Zu diesem Zeitpunkt hat Weegee die Nachtfahrten hinter sich. Mit seinem Buch „Naked New York“ (1945), das zwei Jahre später in Hollywood verfilmt wurde, erschließt er sich neue Kreise. Es folgten Promi-Fotos, Reisen durch Europa, weitere Foto- und Technikbücher. Ein Bild mit Andy Warhol gehört in diese Zeit. Weegee porträtierte sich als „hardboiled photographer“ mit Zigarillo und Hut, die Markenzeichen. Warhol ist ganz cool mit Sonnenbrille. Zwei Welten.

Weegee sorgte mit seinem Stil dafür, dass andere Visualisierungsformen wie die Zeichnung und der Holzschnitt für Magazine uninteressant wurden. Er war ironisch, wenn bei einem Feuer der Werbeschriftzug am brennenden Gebäude hieß: „Simply add boiling water“. Weegee spielte auf das Löschwasser an, „einfach heißes Wasser zufügen“.

Seine Aufnahmen sollten Gesprächsstoff sein, wie „Die Kritikerin“ (1943), als er dafür sorgte, dass eine Frau in Sammy’s Bar so viel billigen Wein bekam, dass sie bei der Wiedereröffnung der Metropolitan Opera die bessere Gesellschaft anfeindete. Weegee lichtete die Gesellschaftsdamen in Pelz und Geschmeide ab, um im Kriegsjahr zu zeigen, wie sich Reiche vergnügen, während US-Soldaten in Italien kämpfen. Die NS-Propaganda vervielfältigte „Die Kritikerin“ und warf die Abzüge über G.I.s in der Schlacht um Anzio ab, mit der Frage, kämpft ihr für diese Ungerechtigkeit?

Weegee war kein Sozialreporter. Ihn fesselten die Gegensätze des modernen New York, die Bruchstellen, die Verwerfungen. Das Moralische überließ er anderen.

Weegee – The Famous in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen. Eröffnung Samstag, 19 Uhr; 26. 5. – 8.9., di-so 11 bis 18 Uhr;

Tel. 0208/ 41 24 928

www.ludwiggalerie.de

Booklet 4 Euro

Quelle: wa.de

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