Wedekinds „Lulu“ wird in Münster ein kurzweiliges Handlungsballett

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Lulu zwischen den Männern: In Münster tanzen Tommaso Balbo (reicher Freier, links), Maria Bayarri Pérez (Lulu) und Adam Dembczynski (Dr. Schön) in einer Inszenierung von Hans Henning Paar.

Von Edda Breski -  MÜNSTER Laster, dein Name ist Weib! Was tut ein Mann, wenn er sich amourös verstrickt hat und sowohl vor der Frau als auch vor sich als auch vor seinen Rivalen blamiert ist? Da er ein Mann ist, reagiert er dramatisch: Er hängt sich auf. In diesem Fall, in Hans Henning Paars Version des „Lulu“-Stoffs am Theater Münster, nimmt er statt des Stricks einen Frauenschlüpfer.

Womit die Schuldige klar benannt wäre. Deshalb geht die Frau zugrunde.

Münsters Tanzchef hat frei nach dem Schauspiel von Frank Wedekind ein unterhaltsames modernes Handlungsballett geschaffen, zwei kurzweilige Stunden mit eingängigen, gelegentlich allzu plakativen Szenen und interessanten Ideen.

Paar bedient sich eines Kunstgriffs, der nicht neu ist. Er bringt Lulu mit zunächst drei Tänzerinnen auf die Bühne: das neugierige Kind (Maria Bayarri Perez), die verspielte junge Frau (Priscilla Fiuza) und die Verführerin (Elizabeth Towles). Das Mädchen wird von ihrem „Vater“ feilgeboten. An den Chefredakteur Dr. Schön (Adam Dembczynski) wirft sie sich voll Lebensfreude, doch der will sie als Gespielin, nicht als ehrbare Ehefrau. Das wird flott durcherzählt, Dr. Schön bleibt eigentlich eine Schablone. Auch der Freier, an den er Lulu weiterreicht, ist eine Symbolfigur. Tommaso Balbo stolziert mit ihr am Arm, Geldscheine werfend. Lulu wandert von einem Liebhaber zum anderen, wird zur Femme fatale, beobachtet von ihren früheren Ichs. Paar fragt nach Individualität und Fremdbild. Lulu forscht vergebens: Wer ist sie, wieviel von ihr ist ein Spiegelbild der Männerwünsche. Der Tanz kann die Lulu-Geschichte als Geschichte eines Körpers erzählen.

Die Gräfin Geschwitz, die mit Lulu in die Armut absteigt, hat sich den Männern zumindest in ihrer Kleidung angepasst; die große, schmale Agnès Girard streckt ihre langen Gliedmaßen in einem engen Hosenanzug, als wolle sie aus einem Gefängnis heraus. Später gibt es noch eine vierte Lulu (Anna Caviezel). Sie lebt im Elend und verkauft selbst ihren Körper; als Selbstausbeuterin überantwortet sie sich ihrem Mörder.

Paars Motive stammen oft aus der dunklen Romantik. Dr. Schön, Lulus erster Liebhaber, tanzt mit ihr wie Coppelius mit seiner künstlichen Puppe. Ein ebenso gut bekanntes wie einschlägig abgegrastes Motiv der Schauerliteratur ist die Figur Jack the Ripper. Er bringt auch in der Vorlage Lulu um, nur macht Paar aus dem Ripper den Widerpart des Schigolch, Lulus „Vater“, oder besser, Zuhälter. Beide nähren sich, indem sie Frauen Energie stehlen. Den Schigolch bringt Erik Constantin als dickgestopften Sukkubus hervor, der in einer umgekehrten Evasgeste Lulu mit einem Apfel verführt. Clever gemacht, und eine schön gruselige Schlussgeste ist es, als der Ripper dem Schigolch eine Verbeugung macht. Liebesgrüße von Monster zu Monster.

Die Szene – im Hintergrund sitzt das Orchester – wird mit Andeutungen gefüllt: einer Straßenlaterne, einer Zinkbadewanne, Zaunteilen (Bühne und Kostüme: Kristopher Kempf). Es gibt eine Videosequenz, in der das Mädchen Lulu eine ältere Version während einer ihrer Affären filmt, Paar verortet sein Tanztheater auf der Höhe von modernem Schauspiel. Ähnlich wie in Theater-Inszenierungen nutzt er eine stilistische Collagentechnik mit Comicelementen, Slapstick, Pantomime, Klischees, die gebrochen oder aber kommentarlos auf die Bühne gebracht werden.

Im Grunde nimmt Paar den Wedekindstoff, der zur Zeit einer Sitten- und Moralwende spielt, und führt ihn rückwärts durch die Viktorianik, wohl wissend, dass die Grusel- und Kriminalgeschichten der Epoche nichts anderes sind als Sittenbilder; Dracula, der ein unschuldiges Mädchen überfällt, ist ein Verführer, der grausame Tod die Strafe für ihre Nachgiebigkeit, die allerdings perfiderweise in ihrer passiv-weiblichen Natur liegt. Zwischen erotischem Kitzel und Horror lag der Reiz dieser Stoffe. Schon in der vergangenen Spielzeit bewegte sich Paar mit „Der schwarze Garten“ zwischen Frühromantik und viktorianischem Schauer. Stoffe, die aus der Realität fallen, liegen ihm. Seine Tänzer hat er gut geschult, dass sie in rasend schnellen Sequenzen sich umeinander schlingen, ganze Körperskulpturen bilden. Das ständige sich Winden und das pathetische sich Recken können affektiert wirken.

Das Modernste ist, neben Paars lustvoll körperbetontem Tanzstil, die Musik. Paar hat Expressionisten und Grenzgänger gewählt: Kurt Weill, Paul Dessau, das Klavierkonzert des rasanten Stilmischers Viktor Ullmann. Das Sinfonieorchester Münster unter Thorsten Schmidt-Kapfenburg und die Solistin Elda Laro sind hochkonzentriert am Werk. Sie bieten Melodie und Farbigkeit, ihre Rhythmik und stilistische Wandelbarkeit brechen die Stimmung noch einmal.

18., 24., 10.; 2., 7., 27. 11.; 14., 26. 12.; 17., 21., 31. 1. 2015; 24. 2.; 6. 3.; Tel. 0251/ 5909 100; www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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