„Was ihr wollt“ in Marl als All-Star-Abend

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Liebes-Spiel (v.l.): Elisabeth Trissenaar, Markus Boysen und Angela Schmid in „Was ihr wollt“ in Marl. ▪

MARL ▪ Wer will noch was vom Leben? Orsino, der Herzog, will Liebe. Olivia, die spröde Gräfin, sucht Gelassenheit im Rückzug. Von Edda Breski

Sir Toby Belch frönt dem Lustprinzip. Regisseur Armin Holz bringt für die Ruhrfestspiele im Theater Marl Shakespeares „Was ihr wollt“ auf die Bühne. Der Clou: Die Suchenden in der Verwechslungskomödie sind nicht, wie im Original, jugendliche Menschen. Sie werden in dieser Kooperation der Ruhrfestspiele mit dem Berliner Renaissance-Theater und dem Grand Théâtre de Luxembourg verkörpert von Schauspielern, die ihre Jugend vor Jahrzehnten hinter sich gelassen haben: darunter die Gründgens-Schützlinge Dieter Laser, Angela Schmid und Vadim Glowna und Elisabeth Trissenaar, die am Max-Reinhard-Seminar mit Franz Xaver Kroetz und Monica Bleibtreu lernte. Alle, bis auf Markus Boysen, haben die 60 überschritten.

Holz hat den Text mit Feingefühl überarbeitet: Das Begleitpersonal, wie Orsinos Höflinge, ist gestrichen, eingefügt sind Zitate aus den Sonetten Shakespeares. „Wie an des Ufers Kies die Welle zieht / So eilt auch unsre Zeit dem Ende zu“. Das steht im Sonett Nr. 60, gerichtet an einen „schönen Jugendlichen“. Das elisabethanische Carpe diem kehrt Holz um: Der Narr (Schlagersängerin Gitte Haenning mit Federn im Haar) weist auf die Vergänglichkeit des Stücks und der Spieler hin. Es hat auch einen besonderen Witz, wenn die 66-jährige Elisabeth Trissenaar als Olivia die 65-jährige Ilse Ritter fragt, ob ihr Gesicht schön sei. Sie antwortet: „Vortrefflich, wenn es Gottes Werk allein ist.“

Gestrichen ist weitgehend die Handlung um Violas Bruder Sebastian und seinen Retter. Der ertrunken geglaubte Zwilling wird Teil des Geschehens, fast ohne dass man dessen gewahr wird. Er ist ein Teil Olivias: Armin Holz schafft ein Liebesdreieck, in dem der dritte ein Zwitterwesen ist: Orsino-Olivia-Viola/Sebastian.

Dieter Lasers Orsino ist so gepeinigt von seinem Liebesverlangen, dass er lächerlich wirkte, verliehe Laser ihm nicht zugleich eine anrührende Würde. Er krümmt sich, ächzt und schreit seinen Text heraus. Orsino findet Ruhe nur in der Berührung Violas, die er noch für seinen Diener Cesario hält. Olivia (Elisabeth Trissenaar) lebt zurückgezogen in angejahrter Würde – bis sie durch Cesarios Anblick zum Begehren wiedererweckt wird. Sie findet sich in der Schlussszene mit den beiden anderen zu einem träumerisch-sehnsüchtigen Dreieck zusammen, gezeichnet von dem Wissen, dass alles endlich ist – aber noch nicht jetzt.

Wenn dieser All-Star-Abend des deutschen Theaters einen Star hat, ist es Ilse Ritter als Viola/Sebastian. Sie bewegt sich zwischen Kinderspiel und Todernst: mädchenhaft lächelnd gibt sie sich von dem Verwirrspiel der Geschlechter hin.

Der Liebes-Suche ist als Karnevalsgesellschaft Sir Toby Belch (großartig ätzend: Markus Boysen) und sein Gefolge gegenübergestellt: Sir Andrew Aguecheek (wunderbar verwirrt: Hans Diehl) lässt sich von ihm an einer Hundeleine führen. „Ihr könnt reden, was Ihr wollt – was Ihr wollt“, murmelt er. Vadim Glowna gibt als Malvolio ein altjüngferlich-zimperliches Äquivalent zum liebeskranken Herzog. Marie (Angela Schmid) ist die einzig Nüchterne im Spiel.

Regisseur Holz hat ein dezentes Gerüst geschaffen, in dem seine Schauspieler agieren können, er verlässt sich völlig auf sie – und Shakespeares Text. Gitte Haennings Narr ist die Klammer für die Szenen. Spannung will er nicht aufbauen – so ist der Abend eine Folge melancholischer Bilder.

Holz hat mit Matthias Weischer auch Kostüme und Bühnenbild erarbeitet. Während die Figuren sehr sinnig an der Grenze zum Karnevalesken ausstaffiert sind, wirkt das Bühnenbild manieriert: so etwa ein uninspiriert im Raum stehendes, stilisiertes perpetuum mobile und die Zeichnung eines Wesens mit Brüsten, Flügeln und Gemächt, die Violas Zwitterstatus unterstreichen soll. Das Stück gehört Shakespeare – und diesen wunderbaren, gelassenen Mimen.

Eine altersgelassene, zart-liebevolle Umsetzung der Shakespeare‘schen Komödie der Geschlechterverwechslungen: Was ihr wolltim Theater Marl, 31.5., 1. – 6.6.,

Premiere am Renaissance-Theater Berlin: 12.6.

Tel. 0 23 61 / 9 21 8-0,

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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