„Was bleibt sind wir“ zeigt den Wandel im Ruhrgebiet

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Stolz blickt Theo Steegmann als ehemaliger Betriebsrat auf den Arbeitskampf in Rheinhausen zurück. Szene aus dem Dokumentarfilm „Was bleibt sind wir“. ▪

Von Bernd Luig ▪ GELSENKIRCHEN–Sie zerreißt den Stoff einer Jacke. An der Innenseite der Brusttasche kommt eine dicke Schicht Kohlenstaub zum Vorschein. Eva Gronbach schneidert aus der Arbeitskluft ehemaliger Bergleute moderne Kleidungsstücke – „ausgehtauglich wie ‘ne Jeans“, so das spontane Lob bei einer Anprobe. Die Modeschöpferin findet es faszinierend, dass das Material „einer Industrie, die stirbt“, bei ihr weiterlebt. Der „Transformationsprozess“ der Designerin bietet ein spektakuläres Beispiel für den tiefgreifenden Wandel im Ruhrgebiet, den Werner Kubny und Per Schnell in dem beeindruckenden Dokumentarfilm „Was bleibt sind wir“ beleuchten.

Faszinierende Geschichten von Betroffenen rücken ins Rampenlicht – viel intensiver und hautnaher als bei ihrem „Abenteuer Ruhrgebiet“, bei dem die Filmemacher vor fast zehn Jahren die geschichtlichen Aspekte des Wirtschaftsstandortes in den Vordergrund stellten. Als der WDR die aktuelle Dokumentation angeregt habe, sei er „fast eingeknickt“, gesteht Werner Kubny. Der Arbeitsaufwand für die erste Dokumentation sei enorm gewesen. Als er seine „tollen Beziehungen von damals“ jetzt aktivierte, hätten ihn aber die Menschen überzeugt. „Die Leute nahmen unser Projekt sehr warmherzig auf.“

Gerade diese offene und ehrliche Art der Porträtierten macht den Reiz des Filmes aus. Bei den persönlichen Rückblenden schwingt immer „viel Wehmut und Herzeleid“ mit, wie es Rainer Musielak formuliert. Der ehemalige Bergmann aus Gelsenkirchen fiel nach dem Verlust der Arbeit zunächst in ein tiefes Loch, machte sich dann nach eigenen Worten im kleinen Modeladen seiner Frau „breit“ und berät dort äußerst höflich Kundinnen. In seinem Garten baumelt der Original-Kauen-Haken der Zeche Hugo – das für ihn wertvollste Erinnerungsstück nach 39 Jahren und elf Monaten im Bergbau. „Mein Opa war 40 Jahre dabei. Der hat wenigstens ein Bild bekommen. Für mich gab es nur einen plumpen Brief...“

Bedrückend und melancholisch fällt jene ungewöhnliche Version des „Steiger“-Liedes aus, mit der Rainer Quante und das WDR-Rundfunkorchester den traurigen Abgesang auf die Kohlenförderung im Revier anstimmen. Moll-Töne begleiten auch den Niedergang der Stahlproduzenten. Der erbitterte Arbeitskampf um die Schließung des Werkes in Rheinhausen mobilisierte 1988 Zehntausende von Demonstranten. Theo Steegmann, damals Betriebsrat, blickt immer noch voller Stolz auf die einzigartige Solidarität und die Machtdemonstration der Beschäftigten zurück. Noch heute spüre er von Zeitzeugen in Duisburg für seinen Einsatz Respekt und Wertschätzung.

Helmut Laakmann forderte die Kollegen damals in einer fesselnden Brandrede zum gemeinsamen Handeln auf. Die Stationen seines Lebenslaufes ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film. Nach gescheiterter Selbstständigkeit mit einer Recyclingfirma auf dem ehemaligen Werksgelände und späterer Arbeitslosigkeit hilft er heute vielen früheren Kollegen – als Mitarbeiter im Sozialdienst der Johanniter. Ihm ist um das Ruhrgebiet „nicht bange“. Die Kraft anzupacken, hätten die Menschen hier schon seit Generationen, sagt Helmut Laakmann.

Bei den vielen Wiederbegegnungen fällt ein Prominenter aus dem Rahmen: Frank Goosen. Der Kabarettist steuert pointierte Beiträge zur Identität im Ruhrgebiet bei. In der früheren Dienstwohnung seiner Großeltern im Bochumer Rathaus spürt er heute noch am Waschbecken den Original-Rasiererhalter des Opas auf.

Die Kino-Version des Dokumentarfilms „Was bleibt sind wir“ wird heute in der Filmwelt in Herne gezeigt, am 19.9. im Astra in Essen und am 20.9. im Filmforum in Duisburg. Ab 7.10. läuft der Film im Sweet Sixteen in Dortmund.Der WDR strahlt den Film als Dreiteiler Ende des Jahres aus.

Quelle: wa.de

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