Walter Moers‘ Roman „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“

Der wahre Autor der Abenteuer in Buchhaim, der Stadt der Träumenden Bücher: Hildegunst von Mythenmetz, gezeichnet von Walter Moers.

Von Ralf Stiftel ▪ Hier geht die Geschichte weiter. Walter Moers beginnt seinen Roman „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“, als hätte er uns nicht sieben Jahre warten lassen auf das nächste Abenteuer des größten Dichters von Zamonien, Hildegunst von Mythenmetz. Für den schreibenden Lindwurm allerdings sind bereits 200 Jahre vergangen. Die Zeit hat er genutzt, um sich zum Bestsellerautor, zum Dichterfürsten emporzuarbeiten. Der Ruhm hat seinen Preis: Hildegunst hat das Orm verloren, jenen Quell der Inspiration, der nur in wahren Dichtern sprudelt.

Ein Brief reißt ihn aus der Lethargie mit der Botschaft, dass der Schattenkönig zurückgekehrt sei. Also kehrt er zurück nach Buchhaim, in die Stadt, in der er zum Poeten reifte – und hinreißende Abenteuer in den unterirdischen Bibliothekskatakomben erlebte. Was haben wir darauf gewartet!

Moers, 1957 in Mönchengladbach geboren, hatte als Comic-Zeichner („Das kleine Arschloch“) und Erfinder der Kindergeschichten um Käpt'n Blaubär Erfolge. Doch 1999 holte er sich seinen Helden zurück und erfand Zamonien, jenen phantastischen Kontinent, auf dem neben dem Blaubären noch Wolpertinger, Eydeeten, Stollentrolle, Schrecksen und viele weitere Kreaturen leben. Mythenmetz' Entwicklungsroman „Die Stadt der Träumenden Bücher“ (2004) trieb die Erzählkunst dieser Märchen für Erwachsene auf einen einsamen Gipfel. Moers figuriert darin nur als Übersetzer des Textes von Mythenmetz und er spielt mit Motiven, Figuren, Szenen und anagramm-verschlüsselten Namen: Goethe mutiert zu Ohjann Golgo von Fontheweg, Poe zu Perla La Gadeon.

Im neuen Buch kommt der Erzähler bald in Fahrt: In 200 Jahren hat sich das neu und prächtiger als zuvor errichtete Buchhaim so verändert, dass Mythenmetz sich nicht zurechtfindet. Er erfindet Lebende Zeitungen und das Qualmorium, in dem Nikotinabhängige ihrer Sucht frönen können, ohne eine neue Feuersbrunst auszulösen. Natürlich bietet Moers mehr als „nur“ Fantasy. Er zitiert und persifliert, dass selbst erfahrene Kampfleser kaum nachkommen. Es ist postmodernes Schreiben auf sehr hohem Niveau. Das Thema von Nostalgie und Fortschritt spielt er souverän durch, und so entdeckt der Leser die Buchmetropole neu – als kommerzialisierte Schwundform, als Touristenattraktion.

Allerdings gerät dieser zweite Durchgang durch das Abenteuer sehr zum zweiten Aufguss. Moers holt altes Personal herbei, Hildegunsts Freunde, den Eydeeten Kibitzer und die Schreckse Inazea, und auch eine Haifischmade nimmt eine zentrale Position ein. Wenn der Saurier dann ins Theater der träumenden Puppen kommt, dann entfaltet Moers einige erzählerische Kraft beim Ausmalen der Effekte, der Wirkung der olfaktorischen Aroma-Orgel zum Beispiel. Hildegunst erlebt nur nachgespielt die eigenen Abenteuer. Das hat Längen. Aber dann landet man bei einem gewaltigen Cliffhanger.

Und dann folgt das „Nachwort des Übersetzers“: Offensichtlich ist Moers die Geschichte – ganz wie bei den Mythenmetz'schen Abschweifungen – aus dem Ruder gelaufen. Das Buch ist nur ein Vorspiel, auf das eigentliche Abenteuer in einem weiteren Roman darf man sich noch freuen. Am Ende heißt es also: „Hier fängt die Geschichte an.“

Walter Moers: Das Labyrinth der Träumenden Bücher. Knaus Verlag, München. 432 S., 24,99 Euro

Quelle: wa.de

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