Wald und Kläs in der Bielefelder Kunsthalle: „Whatness“

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Esther Kläs’ Wandskulptur „handy#2“(2014, Bronze, gefundene Fliese).

Von Achim Lettmann -  BIELEFELD Ein bisschen zufällig wirken die Büsten, die Johannes Wald auf schmalen Leisten in ein offenes Regal gestellt hat. In der Bielefelder Kunsthalle strahlt ihr weißes Material: Der Gips erscheint massig, der plastische Ausdruck rätselhaft und die Anordnung unspezifisch. Die Büsten sind eigentlich auch unfertig, weil sie das Stadium eines Abgusses markieren.

Johannes Wald hält den Prozess an und führt sich das bildhauerische Arbeiten vor Augen. So heißt denn auch das umfangreichste Exponat der Ausstellung „studying the greeks’ grace“ (die griechische Grazie studieren, 2009–2014). Neben den „verlorenen Formen“ aus Gips, die normalerweise abgeschlagen werden, um die Skulptur sichtbar zu machen, zeigt Wald Fotografien (Barytpapier). Wieder sind Büsten zu sehen, die in Doppelbelichtungen Werkmomente festhalten und erneut die Gipsformen visualisieren. Für den jungen Künstler, Jahrgang 1980 aus Sindelfingen, ist der „Kernpunkt der Arbeit“ festgehalten, das Bewusstsein, bildhauerisch zu sein und sein eigenes Ideal zu empfinden, ohne ein „skulpturales Ergebnis“ abzuliefern. Es geht also um eine Selbstvergewisserung, kein klassisches Werk als Beweis für Genialität und ewige Form.

In Bielefeld werden neue Ansätze zur skulpturalen Arbeit gezeigt. Neben Johannes Wald, der konzeptionell nach den Möglichkeiten der Skulptur fragt und in Karlsruhe bei Harald Klingelhöller studierte, wird als zweite Position Esther Kläs vorgestellt. 1981 in Mainz geboren, absolvierte sie die Kunstakademie Düsseldorf bei Georg Herold. Kläs lebt in New York und zählt wie Wald zu den aufstrebenden Künstlern ihres Sujets. Kläs arbeitet an einer Körperlichkeit, die ihre persönliche Nähe mit aufnimmt. Die Wandskulptur „handy#2“ (2014, Bronze) beispielsweise zeigt ihren Unterarm, der porentief nachgebildet ist und ein Fliesenstück hält, das sie in Rom gefunden hatte.

An anderer Stelle schafft Esther Kläs Volumen mit ritueller Wirkung. „(0/8)“ sind acht zu einem Oval gelegte Betonteile, über denen ein Stab hängt. Das mutet wunderlich an, aber entwickelt auch in der modernen Kunsthalle eine Kraft. Außerdem lässt sie im Improvisierten etwas Absurdes zu, wenn sie drei Röhren, die nach unten hin leicht geknickt sind, nebeneinander hängt. „Ohne Titel (TBC)“ heißt diese etwas verloren wirkende Arbeit mitten im Raum, die aus Aquaresin, Pigment und Seil besteht. Jeder Luftzug bringt die drei Rohre in Bewegung, die aus einem Baustoff bestehen, der mit Fiberglas kombiniert werden kann. Esther Kläs favorisiert nicht nur ein Material für ihre Arbeit, sondern arbeitet wie Johannes Wald mit einer Fülle an Stoffzuständen. Allein 32 werden an den Titel der Ausstellung angehängt: von Aluminium über Buntstifte und Granit bis Zement.

Die Schau „Whatness. Esther Kläs. Johannes Wald“ führt einen Begriff von James Joyce auf, der wörtlich „Was-heit“ meint und damit auf das Sosein, auf das Wesen eines Dinges zielt. Es geht weniger um Statur und Objekt, als vielmehr um das Sein eines Gegenstands. Wie zum Beispiel der Skulptur „Wenn Du gehst“ von Esther Kläs. Es handelt sich um einen schwarzen gedrungenen Betonblock auf Rädern, der symbolisch eine Masse darstellt, die bewegt werden kann. Sein Gewicht ist nicht erkennbar. Bringt „Wenn Du gehst“ (2009) Erleichterung, oder beschwert dieser Vorgang das eigene Gefühl? Es gibt keine Aufklärung. Esther Kläs sagt zu ihren Arbeiten: „Es existiert, aber erklärt sich nicht.“ Zu ihren mehrteiligen Werken wie „All In“ (2011) – eine Gruppe aus drei Stelenformen und einer Art Partyzelt in Kleinstformat – sagt sie, dass es ihr um alles gehe, also um die Spannung im Raum. „Es gibt kein adäquates Wort für das Volumen.“

Johannes Wald greift mehr in die Kunstgeschichte. Bereits mit „studying the greeks’ grace“ geht er auf Johann Joachim Winckelmanns Essay zur griechischen Skulptur 1755 zurück, in dem das Vollkommene der antiken Kunstepoche erst idealisiert und dann als Leitbild gefeiert wird. In „Ekphrasis (Kontrapost)“ (2012, Bleisatzdruck auf Büttenpapier) formuliert er einen Text auf zwei Seiten, der von der idealen Skulptur spricht. Letztlich geht es um die bildhauerische Arbeit im Kopf des Leser/Betrachters. Auch seine Videoarbeit „Es atmet“ spielt mit dem Skulpturbegriff. Wald projiziert die Fotografie einer Brust auf eine Marmorplatte. Deutlich sind die Atembewegungen im Video zu sehen, aber ohne Haut und Haare. Walds Frage, wie die neue Skulptur aussehen könnte, überrascht nicht und ist auch nicht neu. Aber der Künstler findet interessante Vorschläge.

Friedrich Meschede, Direktor der Kunsthalle, will „zukunftsweisende Positionen“ anbieten. Er setzt mit „Whatness“ auf neue Raumerfahrungen, die eben keine „Website-Schau mit Gemälden“ bieten kann. Und Meschede will junge Leute auffordern, sich mit zeitgenössischer Kunst zu beschäftigen.

Die Schau

Ohne Erklärung stößt man schnell an die Grenzen dieser konzeptionellen Skulpturen-Schau. Man muss sich einlassen und einführen lassen!

Whatness. Esther Kläs. Johannes Wald in der Kunsthalle Bielefeld.

Bis 21. Juni; di-so 11 bis 18 Uhr, mi bis 21 Uhr, sa 10 bis 18 Uhr; Katalog in Vorbereitung;

Tel. 0521/32999 500

www.kunsthalle-bielefeld.de

Quelle: wa.de

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