Wagners „Parsifal“ beim Klassiksommer in Hamm

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Wagners „Parsifal“ war konzertant in Hamm zu erleben. Es dirigierte Frank Beermann (links), zur Sängerriege gehörten James Moellenhoff (Mitte) und Oliver Zwarg. ▪

Von Edda Breski ▪ HAMM–Frank Beermann hat Hamm das ganz große Finale beschert. Richard Wagners „Parsifal“ bildete unter seiner Leitung den Höhepunkt des Hammer Klassiksommers – und zugleich den Abschied von der konzertanten Opernreihe des Festivals. Die Stadt ist finanziell klamm, die Zuschüsse für die Oper in Höhe von 50 000 Euro fielen dem Rotstift zum Opfer. Nostalgie haben in der Alfred-Fischer-Halle wohl viele der Besucher empfunden. Überwältigt aber waren alle: von der schieren Kraft des Klangs, der Wucht und Konzentriertheit der Norddeutschen Philharmonie Herford, viereinhalb Stunden lang.

Wagner selbst hat sein Werk nicht mehr „Oper“ nennen wollen, sondern den Begriff „Bühnenweihfestspiel“ geprägt. Die Spannweite von Wagners Gedankenwelt, die ungeheuerliche Dimension seines Versuchs, seine Reflexion über Leid, Erlösung und Heilssuche in musikalische Form zu fassen, das machte allein schon die riesige Industriehalle klanglich erlebbar. In der Fischer-Halle, akustisch eigentlich nicht immer erste Wahl, entfaltete sich der berühmte Orgelklang des Werks und entwickelte über die drei Akte hinweg eine unwiderstehliche Sogwirkung. Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie haben über die vergangenen Jahre immer wieder gezeigt, wie stark sie sind, wenn es um das Auffächern ganzer Farbpaletten in einem Werk geht. Das klang im „Parsifal“ nicht nur licht und erlösungssüchtig, sondern auch aufgeraut und dunkel, dabei immer farbsatt. In der Musik des „Parsifal“ ist auch Vergeblichkeit: Klangmaler Beermann griff auch zu fahlen Farben.

In den Vorspielen zu den Akten war der Klang unter Beermann weniger wuchtig als sakral. Dazu passten die durchweg gemessenen Tempi. Höhepunkte wie den letzten Einzug der Gralsritter (Chor der Oper Leipzig) zelebrierte Beermann, die Wucht blieb allerdings stets organisch gebändigt. Die Nordwestdeutsche Philharmonie überzeugten einmal mehr durch Einsatz und Spielfreude, Präsenz und Energie.

Beermann verfügte über ein verlässliches Ensemble: John Charles Pierce, der in Hamm schon den Tristan und den Lohengrin gesungen hat, verdeutlichte in der Titelrolle die Wandlung vom Naivling– Pierce scheute nicht davor zurück, seinen Parsifal im ersten Akt kumpelig-vertraulich wirken zu lassen – zum Gralskönig, gestaltete durchweg klug, hatte noch Reserven bis zum Schluss. James Moellenhoff von der Oper Leipzig war ein edler Gurnemanz. Oliver Zwarg ließ sich wegen Erkrankung ansagen, sang die Partie des Amfortas aber dann doch und lieferte, trotz angezogener Handbremse und strähniger Höhe, das Rollenportrait des leidenden, aufbegehrenden Königs ab. Als Klingsor überzeugte Renatus Mészár. Das hervorragendste Rollenportrait des Abends bot Ruth-Maria Nicolay als Kundry. Sie sang stilsicher, und sie verfügt dabei über ein unverbraucht klingendes, silbriges Timbre. Über der toxischen Musik des Klingsor-Aktes erhob sie sich, weißglühend in ihrer Intensität – atemberaubend.

Quelle: wa.de

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