J. J. Voskuils grandioser Roman „Das Büro“

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Das Büro immer im Blick: Der Autor J. J. Voskuil ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Solche Fragen bewegen einen Wissenschaftler. Was machen niederländische Bauern mit der Nachgeburt des Pferdes? Vergraben? Auf den Mist werfen? In einen Baum hängen? Auch der Volksaberglauben gibt prächtige Themen ab, um Kulturgrenzen zu ermitteln. Wichtelmännchen, Schiffskobolde, der Kornschreck. In Flandern sollen sie gegen Schuppen einen Maulwurf totquetschen. Mit alledem beschäftigt sich Maarten Koning im „Büro“, einem Institut für Volkskunde in Amsterdam. Er redet sich nicht heraus: „Ich mache es so gut wie möglich“, erklärt er einer Hilfskraft, „aber es ist natürlich Unsinn.“

Der niederländische Schriftsteller Johannes Jacobus Voskuil (1926–2008) hat „Das Büro“ in einem monumentalen Romanprojekt beschrieben. Von den sieben Bänden liegt endlich der erste auf Deutsch vor, „Direktor Beerta“. Das Werk ist ein Phänomen, in den Niederlanden ein Erfolg, der sich nur mit Etiketten wie „Kultbuch“ beschreiben lässt. Nicht nur, dass das „Büro“ hohe Auflagen erzielte und eine Lesung in Fortsetzungen im Radio ein Erfolg war. Mittlerweile gibt es Stadtführungen durch Amsterdam auf den Spuren von Maarten Koning. Und in Talk-Shows kommentieren die Vorbilder der Romanfiguren, wie sie sich im Buch getroffen finden.

„Das Büro“ ist autobiografisch. In Maarten zeichnet sich J.J. Voskuil selbst, und tatsächlich erlangte der Autor wissenschaftliches Renommee durch die Erstellung eines umfassenden Schlagwortkatalogs zur Volkskunde. Einmal sagt Maarten: „Ich finde nur jemanden spannend, der über sich selbst schreibt.“ Das darf der Leser programmatisch nehmen.

Das Büro erscheint als absurd, monströs, verrückt. Das liegt natürlich an der Perspektive der Hauptfigur. Maarten bekommt seine Anstellung vom Direktor Anton Beerta geradezu aufgedrängt nach einem ersten, unverbindlichen Treffen. Geschildert werden die Jahre 1957 bis 1965. Maarten und seine Frau Nicolien stehen natürlich links, wittern hinter jeder Ecke Faschisten und haben Wichtigeres zu tun, als in einer Anstellung ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Trotzig lehnt er ab, wenn ihm Vater, Chef, Freunde nahelegen zu promovieren. Ein antiautoritärer Geist weht durch das Buch, eine Vorwegnahme vielleicht der 68er-Revolte, aber auch der Tunix-Generation. Maarten und Nicolien wollen keine Kinder, aber nehmen als Ersatz eine Katze auf. In Voskuils Rückschau wirkt dieses Leben ziemlich traurig, obwohl sie sich mit Freunden treffen und gern einen Genever nehmen. Maarten probiert einfach mal aus, wie es ist im Büro. Und wird auf kafkaeske Weise von der Einrichtung absorbiert.

Der Reiz des Romans besteht zu einem nicht geringen Teil darin, wie bürokratischer Alltag bis in feine Nuancen hinein gespiegelt wird. Die Rituale zum Beispiel. Tag für Tag geht der Hausmeister de Bruin von Schreibtisch zu Schreibtisch und serviert Kaffee. Kleine Bosheiten und große Eifersucht. Nach einiger Zeit bekommt Maarten vom Direktor einen Schlüssel. Als de Bruin das erfährt – lässt er die Schlösser austauschen. Weil er sonst die Verantwortung nicht tragen kann. Wenn Maarten eine Hilfskraft bekommt, will Beertas Stellvertreterin, die furchtbare Dé Haan, auch eine. Eine Schreibmaschine, ein Werbekalender, Durchschlagpapier – alles kann zum erbittert umkämpften Prestigeobjekt werden.

Was im Kleinen gilt, wirkt erst recht im Großen. Obwohl das Büro sich mit Unsinn befasst und keine Resultate vorweist – der Atlas der Kulturgrenzen wird in der kompletten Amtszeit von Direktor Beerta nicht fertig –, wird es ausgebaut. Hier eine Hilfsstelle, da eine neue Abteilung für „Bäuerliche Sprache und Arbeiten in der Landwirtschaft“. Schnell braucht man so neue Räume. Das entfaltet eine hintergründige Komik, die schnell tragisch unterfüttert sein kann. Wie zum Beispiel Teun Nijhuis mit der Aufforderung traktiert wird, seine Diensttauglichkeit nachzuweisen, das zeigt markant die zerstörerische Kraft von Bürokratie, bei der sich alle Beteiligten darum drücken, Verantwortung zu übernehmen.

So umspannt dieses Buch die Fülle des Lebens. Mit sehr trockenem Humor werden Feldforschungsunternehmen geschildert, bei denen es darum geht, maulfaule Landbewohner zu ihren Sitten zu befragen. Und natürlich die Kongresse, mal in Deutschland, dem Land, das vor kurzer Zeit noch Feind und Besatzer war, mal in Belgien, bei Kollegen mit glanzvollen Erfolgen und luxuriösen Büros. Und es gibt tragische Schicksale wie die psychisches Erkrankung von Maartens Freund Frans Veen, bei dem man nicht recht weiß, ob er nur instabil ist oder ob Beerta mit Mobbing nachgeholfen hat.

Schließlich werden hinreißende Figuren geschildert. Allen voran der Direktor Beerta, ein Mann von schillernder Undurchschaubarkeit, schwul, sozialdemokratisch und frömmlerisch. Bewerber fragt er, „unter welcher Kanzel“ sie sonntags sitzen. Meisterlich spielt er auf der Klaviatur der Bürokratie, lobt des Hausmeisters dünnen Kaffee, macht der Kommissionsvorsitzenden Kaatje Kater Komplimente, ist die niederländische Ausgabe von Doktor Jekyll und Mr. Hyde, wie Maarten es in der Abschiedsrede formuliert.

Und wir sind gespannt, wie es unter dem neuen Direktor Jaap Balk weitergeht.

J. J. Voskuil: Das Büro – Direktor Beerta. Deutsch von Gerd Busse. Verlag C.H. Beck, München. 848 S., 25 Euro

http://www.das-buero-der-roman.de

Quelle: wa.de

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