Volker Löschs Deutung der „Odyssee“ in Essen

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Ankläger in Schwarz: Szene aus der „Odyssee“ in Essen mit Melanie Joschla Weiß, Slavisa Markovic, Faton Mistele, Nebojsa Markovic, Sandra Selimovic und Simonida Selimovic.

Von Rolf Pfeiffer Essen - Vorn auf der Bühne sitzt eine übermütige Gruppe weiß gekleideter Männer und Frauen um den Tisch herum, isst, trinkt und schwadroniert – stets im Chor – über ihre Reise, die andauert, weil sie sich ziemlich verpeilt haben. Die Gruppe ist in ihrer Gesamtheit Odysseus, der auf seiner zehn Jahre währenden chaotischen Rückreise von Troja nach Ithaka einer Menge verstörender Wesen und Gesellschaften begegnete.

Weiter hinten auf der Bühne finden im Verlauf des Stücks die Begegnungen mit den Fremden statt. Hier kommen die Zigeuner ins Spiel, die der Titel ankündigte. „Die Odyssee oder Lustig ist das Zigeunerleben“ heißt die Produktion, die im Essener Grillo-Theater ihre Uraufführung erlebte und für die Regisseur Volker Lösch „nach Homer mit Texten von Roma, Sinti und Gadsche“ auch die Textfassung erstellte.

Dem Projekt liegt der Gedanke zugrunde, dass Homers Begegnungen mit dem Fremden in unseren Begegnungen mit jenen Menschen, die man nicht mehr Zigeuner nennen soll, eine Analogie haben. Lustig ist das Zigeunerleben bei den Lotophagen, gefährlich aber sind diese Leute, wenn sie als menschenfressende Zyklopen daherkommen. Und ihr skandalöser Umgang mit Frauen – aber auch das skandalöse Verhalten der Frauen selbst – findet Entsprechungen in den Episoden mit Circe, Calypso und den Sirenen.

Die exotischen Völker und Figuren spielt eine sechsköpfige Roma-und-Sinti-Gruppe, die ihre Rollen in jeder Episode zügig verlässt, um mit anklagender Attitüde Aktuelles vorzutragen, was zum jeweiligen Stück Odyssee passt. Vornehmlich geht es dann um Gegenwartsprobleme der Roma und Sinti, die auf eine persönliche Erlebnisebene heruntergebrochen werden. Später erzählen die Sechs von sich persönlich, ihrer Selbstwahrnehmung und ihrem Selbstverständnis in einer Welt der „Weißen“. So viel zunächst zu den moralisch grundierten Absichten.

Doch gut gemeint ist nicht immer gut gemacht, auch hier nicht. Die Verknüpfung von Odyssee und Roma-und-Sinti-Problematik wirkt weit hergeholt, Aha-Erlebnisse bleiben aus; der Duktus ist trotz der munteren weißen Partytruppe hölzern, der ermüdende Textvortrag ausschließlich im Chor hat daran erheblichen Anteil. Zudem monologisieren die jungen Roma und Sinti ausnahmslos in das Publikum hinein, Dialoge finden praktisch nicht statt.

Die zornige Selbststilisierung der jungen Roma-und-Sinti-Darsteller als Opfer von Ausgrenzung, Ausbeutung, Rassismus wirkt selbstgefällig und wenig produktiv. Regisseur Lösch hätte bedenken sollen, dass die Jugend mit ihrem manchmal recht feinen Gespür für Richtig und Falsch das Wort „Opfer“ vor einigen Jahren schon zu einem Schimpfwort gemacht hat. Eine stanzenhafte Aufteilung der Gesellschaft in Opfer und Täter, wie Lösch sie unterschwellig vornimmt, ist auch deshalb gleichermaßen unzutreffend wie nutzlos.

Ein Lob verdient die Ausstattung von Carola Reuther (Bühne, Kostüme, Projektionen), die ein halb offenes, auf einer Drehbühne installiertes weißes Häuschen in dialektischer Manier zur Spielstätte der Fremden wie auch zur Projektionsfläche spießbürgerlicher Überfremdungsängste macht. Erst ganz am Schluss werden richtige Farbbeutel geworfen, wenn Odysseus und seine Mannen sich anschicken, Penelope von ihren „Freiern“ zu befreien und ein gnadenloses Blutbad anrichten. Eine feinsinnige Klimax, immerhin.

24., 26.9., 10., 19.10.

Tel.: 02 01/ 81 22 200

www..schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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