Kay Voges setzt in Dortmund das „Goldene Zeitalter“ fort

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Er muss doch etwas essen, aber er mag nicht: Adam und Eva (Caroline Hanke und Eva Verena Müller) in einem biblischen Moment der Dortmunder Inszenierung „The Return of Das Goldene Zeitalter“.

Von Ralf Stiftel DORTMUND  - Das kennen wir schon. Wir haben bereits gesehen, wie sie in diesen seltsamen Schuluniformen, mit den weißblonden Perücken nacheinander im Takt der zählenden Stimme die Treppe heruntertanzen, wie sie vor dem Fahrstuhl die Füße abtreten, verschwinden und Sekunden später neu erscheinen. Sechs Schauspieler formen die ewige Wiederkehr des Gleichen als abstraktes Schreitballett.

Im Herbst 2013 hat Kay Voges das am Schauspiel Dortmund ausprobiert. „Das Goldene Zeitalter“, eine szenische Improvisation mit dem Regisseur im Saal, der Merle Wasmuth über Lautsprecher anweist, doch mal Tschechow zu sprechen. Oder Björn Gabriel, der gerade mitten im Zuschauerraum steht, befiehlt, im Takt der anderen auf die Bühne zurückzukehren. Da protestiert der Schauspieler: „Hier?“ Als der Regisseur einlenkt, da stolpert Gabriel doch im Takt durch die enge Sitzreihen. Jetzt erst recht. Etwas selbstreferentiell ist das schon.

„The Return of Das Goldene Zeitalter. 100 neue Wege, dem Schicksal das Sorgerecht zu entziehen“ lautet der Titel dieser Fortsetzung, die eine Menge Vertrautes enthält. Man merkt bei diesem zwölftem Anlauf, wie sich das Ensemble auf den ständig eingreifenden Regisseur eingestellt hat. Routine ist aber nicht zu erwarten. Wenn Voges mit der Einspielstimme eines Kindes „Nochmal“ befiehlt, dann findet Merle Wasmuth für die Goethe-Passage zur Originalität einen anderen Ton, beiläufig statt dozierend. In einer wunderbaren Video-Live-Einspielung parodiert Björn Gabriel den Regisseur, während er an einer Rollbahn Häschen abfahren lässt: „Es liegt nicht an euch, ihr seid toll, das ist die ständige Wiederholung...“

Der nach einem Satz von Heine betitelte Abend hat keine Handlung, sondern führt die tägliche Routine, Alltag und seine Brechung vor. Das bietet die Chance, das Theater zu öffnen für aktuelle Einschübe. Voges arbeitet ohnehin mit Versatzstücken, die aneinandermontiert, manchmal auch überlagert werden, denen Daniel Hengst mit seinen Videobildern und Tommy Finke mit Musikeinspielungen weitere Ebenen hinzufügt. So verdichtet sich das Geschehen immer wieder. Der Zuschauer fühlt sich wie in einem hellhörigen Mietshaus: In einer Nachbarwohnung klingelt das Telefon, oben hört einer die „Tannhäuser“-Ouvertüre, links klingelt das Telefon und keiner geht dran. Und plötzlich läuft überall die „Tagesschau“. Moderne Prominente wie Sebastian Edathy und Lutz Bachmann nehmen in Sophokles’ Text die Stelle des Ödipus ein, Erlöser, die sich als Enttäuschung entpuppen. Selbst der Tod von Mr. Spock wird aktuell eingeblendet. Etwas Übergewicht hat vielleicht der „Suhrkampf“ um Castorfs Münchner „Baal“-Inszenierung. Aber schließlich sind wir im Theater.

Die Stimmung hat sich geändert. Neue Stichworte finden in diese szenische Surftour durch die Gegenwart. „Je suis Angst“, wird eingeblendet. Eine Puppe ballert den dröhnenden Erklär-Bären einfach weg mit der Begründung: „Ich bin ein Individuum.“ Das sieht man heute, nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen, mit anderen Augen. Und der hesselnde Feuerwehrmann, der herumnörgelt, dass hier alle nur vom Theater reden und keiner vom Brandschutz, den verkörpert Carlos Lobo nicht nur überaus komisch. Er bildet auch das neue Sicherheitsdenken trefflich ab. Hinreißend auch, wie Lobo von einer Fußballreportage über ein „Goooool“ von Messi zu m Kollektivaufmarsch von Pegida überblendet.

Das Ensemble ist ja der Trumpf dieses szenischen Labors. Wie Eva Verena Müller wieder als Raupe über die Bühne kriecht, Salat mümmelt, „All by myself“ piepst und sich von einen Zuschauer den Sturzhelm bringen lässt. Wie Müller und Caroline Hanke in Ganzkörpernacktkostümen Adam und Eva am Apfel zanken lassen. Wie Uwe Schmieder erst im Nachthemd unter der Kamera schnarcht und später nackt im Publikum seine Gegenwart beteuert: „Ich bin da.“ Wie Hanke als charmante Qualle tanzt im blauen Ballonrock mit wehenden Tentakeln.

Kay Voges zappt in dieser Produktion das Publikum durch einen Bilderreigen, eine Sturzflut von Zitaten und Pointen, durch Schockmomente und Poesie, wie man es derzeit auf keiner anderen Bühne sieht. Und die Präsenz dieser sechs grandiosen Darsteller erreicht sowieso nichts, was auf einen Bildschirm passt.

7.3., 30.4., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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