Kay Voges inszeniert „Woyzeck“ in Dortmund

Von Achim Lettmann ▪ DORTMUND–Woyzeck ist verstört und irritiert. Er hängt am Vorhang des Schauspiel Dortmund und fällt herab, als sich die Bühne öffnet. Regisseur Kay Voges lässt nun in eine Düsternis blicken, die sich kam auf dieser Erde verorten lässt. Erst später wird Pia Maria Mackerts Guckkasten als Projektionsraum für Seelennöte erkennbar. Es ist hier unheimlich, unwirklich. Was wird passieren?

„Woyzeck“ hat der junge Dramatiker Georg Büchner (1813-37) mit wenigen Szenen hinterlassen und damit der deutschen Theaterliteratur ein erstes modernes Stück gegeben. Es geht um den Soldaten, der ein uneheliches Kind hat. Er rasiert den Hauptmann, lässt sich vom Arzt zum Probanden degradieren, um seiner Marie Geld zu verschaffen. Ein Knecht der Obrigkeit, ein Opfer seiner restaurativen Zeit, ein von allen Gejagter? Deutungen zu „Woyzeck“ sind Schulstoff geworden. Regisseur Voges favorisiert die psychologische und lässt Woyzeck das Zwiegespräch mit seinem Freund führen. Andres sitzt im Hintergrund am Klavier. Paul Wallfisch, Dortmunds neuer Musikdirektor, personifiziert den Rhythmusgeber, stumm, in Schwarz und mit Sonnenbrille. Eine Kunstfigur aus unserer Zeit.

Der Hauptmann mit Leopardenjacke führt sich das Rasiermesser wie ein Lebensmüder selbst zum Hals. Uwe Rohbeck treibt die Figur immer wieder selbstzerstörerisch an. Die Tugenddoktrin seines Standes klemmt ihm den eigenen Trieb schmerzhaft ein. Der Vorteil der Arrivierten ist in Voges „Woyzeck“-Inszenierung kein Sonnenplatz. Andreas Beck spreizt den Arzt als bösen Egomanen, als Ruhelosen, der Wissenschaft vorgibt, wenn er den eigenen Sadismus nährt. Woyzeck muss Schläge aushalten. Axel Holst macht das ergeben und widersetzlich zugleich. Denn die Grundfrage des Abends, was ist der Mensch, treibt auch ihn neben allen Nöten mit Kind und Marie. Holst lässt Woyzeck beben, wie den Fleisch gewordenen Nachhall eines tiefen Ringens um Existenz und Identität.

In Dortmund wird der Fatalismus des Dramas zu einem mystischen Horrortrip in Seelenabgründe. Hier sind alle durchgeknallt. Der Tambourmajor (Sebastian Kuschmann) wirbt um Marie mit eingesprungenen Showschritten, wie ein Tänzer unserer Unterhaltungsindustrie. Voges lässt in solchen Szenen kurz Ironie anklingen, auch wenn der liebestolle Pas de deux mit Marie zu einem erotischen Veitstanz kulminiert. Für Tod und Verderben gibt es packende Bilder. In einer rituellen Verschwörung („Sand, Staub, Dreck“) ersticht der Tambourmajor ein blutiges Affenwesen, das unter dem weißen Kunstschnee auf der Bühne verscharrt wird. Mit solchem Grusel wird die Fallhöhe des Büchner Dramas noch erhöht. Überzeichnet, aber herrlich effektvoll ist auch Maries Sehnsucht nach einem Mann – Ausdruck ihrer unschuldigen Lebensgier. Große glänzende Kugeln schweben vom Bühnenhimmel. Kitschig und tröstlich wirkt das im Sog des Untergangs. Und Caroline Hanke nimmt der Marie-Figur das Schicksal einer Alleinerziehenden, indem sie eine sinnliche Tragödie spielt. Ihr gelingen verstörende stille Augenblicke in einer Inszenierung, die mit Extrema operiert, das man manchmal nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Woyzeck, der das ganze Stück stammelt, spricht plötzlich klar. Der Mordgedanke gibt ihm innere Ruhe. Seine Leidensabsicht wird im schuld-frommen Christentum verankert. Es schaudert.

Regisseur Kay Voges schockt am Ende mit blutigen Motiven der Horror- und Schlitzerfilme. Die Frage, was der Mensch ist, hat das Theater bis heute nicht beantworten können. Deshalb macht er es auch nicht.ORTSMARKE –

Quelle: wa.de

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