Kay Voges inszeniert Becketts „Endspiel“ in Dortmund

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Die Wand hat es in sich: Szene aus „Endspiel“ in Dortmund mit Uwe Schmieder und Frank Genser. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Ein unterschwelliges Dröhnen füllt das Studio des Schauspiels Dortmund, wie die anschwellende Rückkoppelung einer E-Gitarre. Die Blockabsätze an Lums Klumpfuß-Schuhen krachen auf den Boden, im Takt flackert die nackte Glühbirne. Als wäre das nicht schon quälend genug, schreien Lum und Purl über die Lärmkulisse: „Willst du, dass ich dich verlasse? Natürlich! Dann werde ich dich verlassen.“ Der Dialog wiederholt sich ein-, zwei-, dreimal, bis Purl die Endlosschleife verlässt, die geöffnete Tür krachend in Schloss fällt und der Dauerton abbricht.

Eigentlich soll dies Samuel Becketts „Endspiel“ sein. Aber Clov heißt Lum, der blinde und lahme Hamm heißt Purl. Nagg und Nell fehlen. Stattdessen spielt ein Sounddesigner mit, der live für die suggestive Akustik sorgt: Mario Simon. Kay Voges, Schauspieldirektor, hat die Spielzeit mit der Uraufführung von Wolfram Lotz' Stück „Einige Nachrichten an das All“ eröffnet. In dem ambitionierten Projekt zwischen Film und Drama hat er Lum und Purl als Beckett-Figuren eingeführt, die in einem schwarzen Kastenzimmer auftreten mit einem Mobiliar, das in Kreidestrichen an die Wand gemalt wurde (Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch). Nun inszeniert Voges den nihilistischen Klassiker des irischen Autors, als wäre es ein Prequel zu seinem Lotz-Projekt. Die Leinwand-Schatten verwandeln sich in Menschen aus Fleisch und Blut zurück, auch wenn sie schwarz-weiß aussehen. Und Becketts philosophische Konstellation, die die menschliche Existenz meint und die von Herrschaft, Hunger, Abhängigkeit handelt, wird eng geführt in ein Beziehungsdrama. „Früher liebtest du mich“, beschwert sich Purl einmal. Da blicken beide ganz verträumt, und Lum tanzt auf seinen schweren Schuhklötzen.

Sie kommen nicht voran. Schon Becketts Text beginnt mit dem Wort „Ende“ und dehnt dann den Stillstand. Voges montiert Szenen neu, verteilt Naggs und Nells Text auf das übrig gebliebene Paar und gibt dem Spiel eine kreisende, eine Zirkel-Struktur, in der Momente wie der angekündigte und dann nicht ausgeführte Aufbruch Lums immer wiederkehren. Mehrmals antwortet Lum auf die Frage nach der Uhrzeit, es sei „soviel wie gewöhnlich“. Mehrmals greift er zum Periskop und lugt durch das Dach des Spielkastens in die Außenwelt. Wobei wir einmal, als er das Fenster öffnet, sehen, was „draußen“ ist: „NULL“ steht da in Blockbuchstaben. Da sitzen sie, allein mit sich und der Angst, „etwas zu bedeuten“.

„Nichts ist komischer als das Unglück“, spricht Lum Becketts Text. Voges handelt danach. Wenn Lum nachdenkt, dann rubbelt er onanistisch mit der Hand in der Hose, und die abschließende Erleichterung ist – eine Idee. Beckett hat in Dortmund sehr komische Momente. Manchmal sind sie auch leise.Dann beginnt die Wand bei Purls Berührung zu singen, Zarah Leanders „Nur nicht aus Liebe weinen“. Dann tastet Purl nach der Wand an der Front der Bühne, wo natürlich die Zuschauer sitzen, die vor den Händen zurückzucken.

Frank Genser zeigt als Lum mit schwerem Schuhwerk das Leiden am Sein schon in seinem schleppenden Gang. Uwe Schmieder mimt mit verklebten Augen und gefesselt an einen Stuhl den beschädigten Herrenmenschen Purl. Sie geben knapp anderthalb Stunden lang alles, jammern, kommandieren, flüstern, schreien, argumentieren, betteln, räsonieren. Ein anstrengender Abend, aber doch auch ein Vergnügen.

18., 30.11., 8., 15.12.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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