Vlad Massaci inszeniert die Bühnenfassung von Florian Illies’ „1913“

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Vor dem Stuhlmassiv: Szene aus der Bühnenversion von „1913“ in Oberhausen.

Von Ralf Stiftel OBERHAUSEN - Der kleine Mann lässt den Gehstock kreisen. Seinen Watschelschritt kennen wir aus dem Kino. Lautlos spricht er in die Luft vor sich, streckt den Finger aus, bricht ein Bröckchen von seinem ebenfalls nur in der Pantomime vorhandenen Brot, wirft es hin. Dann fliegt das Gegenüber ab, der Mann hebt den Blick nach oben, da – ein Klacks. Das ist der Dank des Tiers. Der Mann zeigt sich empört.

Nein, Klaus Zwick spielt am Theater Oberhausen nicht den Chaplin. Er mimt dessen Doppelgänger in der Politik, den Aquarellmaler Adolf Hitler. Er überblendet virtuos diese beiden Ikonen des 20. Jahrhunderts, den großen Komödianten und den Diktator. Es gibt eine Reihe solcher szenischen Miniaturen in dem Abend „1913“. Das ist kein Bühnenstück, kein Roman, aber ein Bestseller. Der Journalist Florian Illies hat eine Chronik des Vorkriegsjahrs vorgelegt. Er entwickelt die These, dass nicht der Weltkrieg den „Urknall der Moderne“ auslöste, sondern dass im Gegenteil das Wesentliche schon geschehen war. Der Krieg sei ein Bremser, kein Katalysator gewesen.

Wie bringt man einen solchen Essay auf die Bühne? Schon das Buch ist nicht als schlüssige Argumentation aufgebaut, sondern als Mosaik mal mehr, mal weniger relevanter Anekdoten. Es gibt unendlich viel Figuren, aber keinen Spannungsbogen, weil eben der Schüler Brecht am Augsburger Gymnasium nicht mit dem Zwölfton-Komponisten Arnold Schönberg zusammenhängt und beide nicht mit Hitler, der erst im Männerheim in Wien lebt und dann nach München flieht, um nicht als Soldat eingezogen zu werden.

Regisseur Vlad Massaci gestaltet seine Textauszüge also als Revue, als Abfolge szenischer Miniaturen. Vorn links sitzt Pianist Robert Weinsheimer, der live und wunderbar flexibel die Avantgarde von vor 100 Jahren anklingen lässt. Dann verkörpert ein Dutzend Schauspieler all die Figuren aus Politik, Kultur, Wissenschaft, die Illies für sein Panorama auffuhr.

Ein solcher Abend ist ein Kraftakt, den das Ensemble bewundernswert bewältigt. Aber die großen Gesten greifen oft ins Leere, nicht zuletzt das Bühnenbild von Manuela Freigang, das aus einem monumentalen Kasten besteht, in dem sich chaotisch Stühle türmen, manchmal nur ein Hintergrund, manchmal eine Kletterwand für die Akteure.

Einige Handlungsstränge taugen für die Bühne, vor allem die meist unglücklichen Liebesgeschichten zwischen Alma Mahler und dem Maler Oskar Kokoschka sowie zwischen Felice Bauer und dem Autor Franz Kafka. Da aber ist schon Illies am weitesten vom Vorkrieg entfernt und am dichtesten am Boulevard, am Klatsch.

Ein hübsches Bild ergibt auch die Begegnung von Hitler und Stalin in Wien, wo sich Zwick und Konstantin Buchholz im Schnick-Schnack-Schnuck duellieren. Am Ende verkrampfen sich Buchholz’ Faust (Stein) und Zwicks flache Hand (Papier), und man sieht, woher die Tyrannen ihre typischen Gesten nahmen.

Massaci müht sich, Schauwerte zu bieten, lässt Anja Schweitzer als exzentrische Femme fatale katzenhaft auf allen Vieren schleichen und bringt zu Strawinskys „Sacre du Printemps“ gar Ausdruckstanz auf die Bühne. Aber während das Buch als langsames Medium die Momente des Name-Dropping und der Willkür aushält, erlebt der Theaterzuschauer das bunte Treiben als leeren Rausch. Mit frivolen Spitzen wie Gottfried Benns „Morgue“-Gedicht über das Rattennest in der Mädchenleiche als romantischen Kanon.

Der Abend zeugt durchaus für die Leistungsfähigkeit des Ensembles, grandios zum Beispiel mimt Sergej Lubic Kafka als irrlichternden Kobold, und Martin Müller-Reisinger zeigt Rilke mit bösem Witz als weinerlichen Narzissten. Aber nicht jeder Bestseller taugt für die Bretter, die die Welt bedeuten.

27.9., 5., 13., 17., 18.10.,

Tel. 0208/ 8570 184,

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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