Virginia Woolfs „Orlando“ in Dortmund

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Zwei liebende Frauen: Szene aus „Orlando“ in Dortmund mit Marlena Keil (links) und Friederike Tiefenbacher.

DORTMUND - Schon beim ersten Mal sind die Jagdabenteuer des Marmaduke Bonthrop Shelmerdine von Loriot‘scher Komik. Wie Ekkehard Freye sich aufplustert: „Ich habe in Schweden einen Elch erlegt.“ Und Marlena Keil als Orlando lässt gleich die Luft raus mit der Frage: „War es ein großer Elch?“ So geht es weiter im Studio des Schauspiels Dortmund. Seine Beutetiere werden immer kleiner, banaler, wo sie von Tigern spricht.

Aber der Pfiff in Laura N. Junghanns‘ Inszenierung „Orlando“ ist, dass die Szene gleich dreimal zu erleben ist. Beim zweiten Mal legt Keil die Laszivität eines Hausfrauenpornos in ihre Frage, ob er Sahne in den Tee will. Der selbe Text definiert die Geschlechterrollen neu. Orlando ist nicht mehr nachsichtig-ironische Gattin, sondern willige Gespielin. Beim dritten Durchlauf mutiert sie zum Alien. Nicht mehr sie spricht, sondern die Musiker der Dortmunder Band AniYo Kore. Keil bewegt die Lippen im Playback und schneidet die komischsten Grimassen.

So zeigt Junghanns souverän, dass Orlando, die Heldin in Virginia Woolfs gleichnamigem Roman, genervt ist, und unterhält dabei das Publikum aufs Feinste. Die junge Theatermacherin hat für ihr Debüt am Dortmunder Schauspiel gleich die Spielfassung des modernen Klassikers geschaffen. Orlando startet 1586 als Mann, ist Autor, Liebhaber, Diplomat, wechselt nach einwöchigem Schlaf das Geschlecht, endet 1928, kaum gealtert, als moderne Schriftstellerin. Woolf schuf mit ihrer fiktionalen Biografie den Prototyp eines Gendertextes: Orlando sucht seine/ihre Identität jenseits der Geschlechterrollen. Das wäre ja schon komplex genug. Aber Junghanns erzählt zum Roman auch noch seine Entstehungsgeschichte, indem sie den Briefwechsel Woolfs mit ihrer Geliebten Vita Sackville-West einarbeitet. Schon während das Publikum hereinkommt, himmeln sich Keil (Sackville-West) und Friederike Tiefenbacher (Woolf) mit Briefzitaten an. Die Biografie der Liebenden wird in der Romanhandlung gespiegelt, mit überraschender Leichtigkeit und sehr unterhaltsam.

Freye tritt zunächst als Queen Elizabeth I. auf, mit hoher Perücke und weitem Renaissance-Kleid. Später wechselt auch er das Geschlecht und spielt den Seehelden. Oder auch den Richter, der in den Prozessen gegen Orlando entscheidet, der als Frau ihre Besitztümer streitig gemacht werden. In Dortmund klingen stattdessen aktuelle Entscheidungen des Verfassungsgerichts zur Geschlechteridentität nach. Und auch da haben die verzweifelten Beteuerungen Orlandos, keine Frau zu sein, hochkomische Qualitäten.

Die Lust der drei Darsteller an ihrem vielschichtigen Spiel überträgt sich auf den Betrachter. Zum Beispiel, wenn Tiefenbacher den Kritiker Greene als trinkfesten Schnorrer zeichnet. Dann wieder zeigt sie die verunsicherte Autorin, die fürchtet, mit ihrem satirischen Text der Geliebten zu nahe getreten zu sein, und das rührt, weil es auf einmal ganz ernst gemeint ist.

Und auch Melody und René von AniYo Kore liefern mehr als einen sphärischen, trip-hop-inspirierten, hörenswerten Live-Soundtrack. Sie spielen mit, leihen manchmal den Darstellern ihre Stimmen oder fangen ein geworfenes Weinglas auf. Und sie betten das überraschende Finale in eine dramatische Rockballade. Da laufen als Videoeinspielung Nachrichtenschnipsel vom Anschlag auf die Szenedisco „Pulse“ 2016 in Orlando, Florida. So zufällig solche Namensgleichheiten auch sind, so passt es doch, dass der Täter gezielt Homosexuelle attackierte. Manchmal hat es mörderische Folgen, wenn Menschen mit den Freiheiten nicht zurechtkommen, die sich Virginia Woolf modellhaft für ihre Figur ausdachte. In dem Bühnenraum von Maria Eberhardt zeichnen Lichterketten einen Baum in den Regenbogenfarben, ein trotziges Zeichen.

Ein Abend, der großes Vergnügen bereitet.

16.2., 11.3., 21., 27.4., 2., 13.5.

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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