Im vierten Dortmund-„Tatort“ holt die Vergangenheit Kommissar Faber ein

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In luftiger Höhe: Kommissar Faber (Jörg Hartmann, links) packt Markus Graf (Florian Bartholomäi) im Dortmunder „Tatort“.

Von Ralf Stiftel Kommissar Peter Faber schätzt sich ganz realistisch ein. Sie solle sich zusammenreißen, fährt er seine Kollegin Martina Bönisch an. „Zwei von meiner Sorte können wir uns nicht leisten!“ Aber einer wie er ist ein Unikat in der immer bunteren Szene deutscher Fernsehkommissare.

Durchgeknallt, so erleben die Zuschauer oft den Ermittler im Dortmunder Tatort. Er beleidigt Verdächtige und Zeugen. Er zerstört schon mal Mobiliar. Er wirft heimlich Pillen ein. Unbeherrscht wirkt das, unberechenbar ist es, und es ist die Kehrseite seines unheimlichen Einfühlungsvermögens in Verbrecher.

Durchgeknallt zeigt sich Faber (Jörg Hartmann) auch diesmal, nimmt einen Mann in den Schwitzkasten, klopft ihm auf den Schädel, bedroht ihn. Und sagt, kaum dass sein Opfer das Zimmer verlassen hat: „Also ich fand mich gut!“ Wer hätte ihm die Ironie zugetraut? Dabei geht Fabers vierter Fall, „Auf ewig Dein“, ihm unter die Haut wie keiner zuvor. In dieser Folge lösen Regissseur Dror Zahavi und Autor Jürgen Werner den Handlungsstrang auf, der von Anfang an die Arbeit des Teams begleitete.

Faber hat gute Gründe für sein grenzwertiges Verhalten. In Norddeutschland kamen seine Frau und seine Tochter bei einem Unfall um. Und jetzt, mitten im Dortmunder Kommissariat, tauchen auf seinem Schreibtisch anonyme Botschaften auf, die andeuten, dass der Tod seiner Familie kein Unfall war.

Der Film aber beginnt im Wald, wo die Leiche von Marie gefunden wurde, vergraben in einem Plastiksack. Erst vergewaltigt, dann ermordet. Und jetzt wird Lisa vermisst. Lebt hier ein Serienmörder seine Perversionen aus? Verdächtige finden Faber und seine Kollegen genug. Auf dem Computer von Maries Stiefvater sind kinderpornografische Fotos gespeichert. Er hat in einschlägigen Internet-Foren gechattet. Und auch Lisas Vater verhält sich auffällig. Gibt es im Revier einen Pädophilen-Ring?

Die Dortmunder Kommissare brauchen einen klaren Kopf. Aber jeder trägt private Probleme mit sich. Martina Bönisch (Anna Schudt) wird erpresst von dem Call-Boy, dessen Kundin sie war. Der Mann wurde beim Drogendealen erwischt – und hofft, dass die Polizistin ihm aus der Klemme hilft. Und die verliebten jungen Kollegen Dalay (Aylin Tezel) und Kossik (Stefan Konarske) müssen damit klar kommen, dass sie schwanger ist.

Ausgerechnet jetzt taucht Markus Graf auf, dessen Vater Faber vor 15 Jahren hinter Gitter brachte – einen Vergewaltiger und Mörder. Warum kommt der junge Mann aus Lübeck nach Dortmund, um als Putzkraft zu jobben? Florian Bartholomäi verkörpert den Sohn des Killers mit einer schauerlichen Abgründigkeit. „Sie sehen nicht gut aus“, sagt er dem Kommissar, und er legt in die höfliche Feststellung („Muss man sich Sorgen machen“) eine infame Schadenfreude. Seine Versicherung, „die Wahrheit – was sonst“ zu sagen, untermauert die Art Lüge, die vermeintlich unwiderleglich ist. Dieser Mann verliert selbst bei Fabers Ausbrüchen nicht die Kontrolle – und gerade deshalb traut man dem unauffällig-glatten Schnösel den Psychopathen unbedingt zu.

Aber auch Hartmann zeichnet den Kommissar am Rande des Nervenzusammenbruchs wieder wunderbar. Wie er sich einem Verdächtigen anbiedert, von den „kleinen Knospen“, der „zarten Haut“ der kindlichen Opfer schwärmt. Da möchte man ihn gleich ganz oben auf die Liste der Abartigen setzen, vergisst beinahe, dass er nur Vertrauen schaffen will, damit sein Gegenüber spricht. Und bei Faber wird der Parka Kult wie bei Schimanski die Windjacke. Wenn Faber in die Reinigungsfirma kommt, ranzt ihn der Chef an: „Wenn Sie ‘nen Job suchen, vergessen Sie’s. Ich stelle keine Obdachlosen ein.“

Eine besondere Stärke des Dortmunder „Tatorts“ ist, dass die vier Ermittler mehr Grautöne aufweisen als viele ihrer Kollegen in anderen Städten. Und das Team spielt sich immer besser ein.

Die Ruhrgebiets-Optik trägt der „Tatort“ mittlerweile sparsamer auf. Die Taubenväter und Bergleute sind abgearbeitet. Jetzt kommen die weniger augenfälligen Momente ins Bild. Und der Showdown auf dem Hochhausdach hat große Klasse.

Quelle: wa.de

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