„Vielleicht will ich alles“: Bielefeld-Roman von Que Du Luu

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Que Du Luu

Von Ralf Stiftel ▪ Schon mit dem ersten Satz fängt Que Du Luu den Leser: „Nachdem meine Mutter mir die abgebrochene Bierflasche in den Bauch gerammt hatte, war für mich Schluss.“ In dem Roman „Vielleicht will ich alles“ geht es sofort zur Sache. Adalbert Hollenbach, 16, Gymnasiast, Sohn eines Arztes, lebt eigentlich ein zufriedenes Leben in der oberen Mittelschicht. Eigenes Zimmer, viele Freunde, genug Taschengeld, um ein Mädchen einzuladen, solange es nicht das Nobelrestaurant „Glück und Seligkeit“ ist. Aber seine Eltern streiten sich allnächtlich bis aufs Blut. Und Addi hat sich unsterblich verliebt in Alicia, das Roma-Mädchen, das gerade von der Parallelklasse gemobbt wird.

Que Du Luu hat einen leichten, witzigen Roman nicht nur für Jugendliche geschrieben, dessen eigentliche Hauptfigur ihre Heimatstadt Bielefeld ist. Die Autorin, 1973 in Vietnam geboren, aufgewachsen in Ostwestfalen, hat bereits mehrere Literaturpreise gewonnen. Sie ist Lokalpatriotin. Ihre Stadt ist nicht eng, aber überschaubar. Die Straßenbahn, der Jahnplatz, die Alm, wo die Arminia noch gegen die Bayern spielt, die Cafés. Irgendwie laufen sich die Leute um Adalbert, den sie Addi nennen, immer wieder über den Weg. Hier stimmt einfach alles, sogar die Namen der Jaquelines, Jessicas und Natalies um Addi.

Es fasziniert, wie Que Du Luu in ihrem zweiten Buch aus einem unscheinbaren Stoff wie den pubertären Gefühlswallungen eines Jugendlichen Abenteuer entwickelt. Die nächtliche Großstadt in der Provinz entfaltet unerwarteten Zauber mit Dönerbuden, der Küche eines Schulkameraden, der für seine trinkenden, von Hartz IV lebenden Eltern sorgt, und den wilden Partys in der sturmfreien Villa eines weiteren Kumpels. Punks und Skinheads lauern hinter jeder Straßenecke. Und dann freundet Addi sich auch noch mit Balduin Pfiff an, dem stets hungrigen Obdachlosen mit dem strengen Geruch und dem leichten Hau. Für ihn sind alle Menschen Zahlen. Und er sagt seltsam poetische Sätze. Als Addi ihn fragt, was sein angeschlagener Zahn macht, antwortet er: „Der ist gezogen, und ich weiß nicht, was der gerade macht. Der Zahnarzt hat ihn dabehalten.“

Addis Eltern trennen sich. Die Mutter hat einen neuen Freund, und Addi ist zu dessen Geburtstag eingeladen. Diese Party bildet einen fulminanten Höhepunkt des Buchs, angefangen mit dem Geschenk, einer Eieruhr namens „Hartmut“ für hart gekochte Eier, bis zu Addis Idee, seinen neuen Freund Balduin Pfiff mitzunehmen.

Que Du Luu: Vielleicht will ich alles. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 335 S., 14,95 Euro

Quelle: wa.de

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