Viel mehr als Quadrate: Die Villa Hügel widmet Josef Albers eine Werkschau

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Das letzte Werk einer langen Serie: Josef Albers malte diese Fassung von „Homage to the Square“im Jahre 1976.

ESSEN - Klar leuchtet der Farbakkord aus Grün und Blau. Drei Quadrate scheinen in dem Gemälde „Homage To The Square“ von 1976 übereinander zu liegen, allerdings nicht mit dem selben Mittelpunkt, die inneren Rechtecke sind etwas nach unten geschoben. So sehen eigentlich alle der mehr als 2000 „Homage“-Tafeln aus, die Josef Albers malte. Aber dieses Bild, das in einem Kabinett der Villa Hügel in Essen hängt, ist gleichwohl besonders. Es ist Albers‘ letztes Werk.

Erstmals seit Jahren ist in der Villa Hügel wieder eine große Ausstellung zu sehen, allerdings keine der kulturhistorischen Präsentationen, für die das Haus bekannt ist. In der Schau „Interaction“ steht mit Albers (1888–1976) ein Pionier der abstrakten Malerei im Fokus. Sein Schaffen wird mit rund 170 Exponaten ausgebreitet. Entstanden ist die glanzvolle Würdigung eines Mannes, der die Kunst des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflusste.

Monotonie muss der Besucher nicht fürchten. „Wir wollen Albers befreien vom Nimbus des Quadrat-Malers“, sagt Heinz Liesbrock, Direktor des Josef-Albers-Museums in Bottrop, der mit Ulrike Growe die Schau kuratierte. Das Quadrat hatte Albers schließlich erst spät zu seinem Thema gemacht, 1950, im Alter von 62 Jahren. Auch die erste „Homage to the Square“ on 1950 sieht man in Essen, eine Fassung nur aus Grautönen komponiert, aber schon in der markanten Schichtung mit tiefer gelegtem Schwerpunkt.

Und der große Ausstellungssaal ist ebenfalls mit Quadrat-Gemälden gefüllt. Es ist ein Fest der Farben, vor denen man das Staunen lernen kann. Was so einfach aussieht, hat Albers schließlich mit geradezu wissenschaftlicher Akribie erarbeitet. Der Sohn eines Malermeisters war ja gar kein kühler Konstruktivist, wie Liesbrock hervorhebt. In seinem Spätwerk nutzte Albers die Festlegung durch den immer gleichen, extrem zurückgenommenen Bildaufbau dazu, die Wirkungen von Farben auszuprobieren. „Ich kann das tristeste Grau zum Tanzen bringen“, schrieb er einmal, „Ich mag es, eine ärmliche Farbe reich zu machen, schön werden zu lassen durch ihre Nachbarfarben.“ So wie hier sieht man selten Gelb glühen – oder durch die gut gewählte Nachbarschaft von blassem Blau und Grau erkalten („Homage to the Square, Ascending, 1953“).

Albers mischte die Farben nicht, weil das ihre Strahlkraft vermindert hätte, sondern verwendete sie rein, direkt aus der Tube. Aber er nutzte das Angebot aller Produzenten aus. So hat er mehr als 200 Gelbtöne im Repertoire, wusste präzise, welche Wirkung welches davon auf der Hartfaserplatte haben würde. Er trug die Farbe direkt mit dem Malmesser auf, ohne mechanische Hilfen wie Klebeband. Das verleiht den Bildern ihre naturhafte Erscheinung, nichts sieht mechanisch oder seriell aus.

Selbst im umfangreichen Teil der Schau, der allein dem Quadrat gewidmet ist, wird es nicht langweilig. Die kluge Hängung unterstützt das, was Albers auch als Lehrer wichtig war: Sie öffnet Augen. In einem Kabinett hängen fünf Versionen der „Homage“ in Rot und Gold, und der Betrachter staunt, wie eine Farbe hier je nach Platzierung in der Bildfläche heller oder dunkler, leichter oder schwerer wirkt.

Aber da hat der Besucher schon eine Menge anderer Kunst gesehen. Albers begann Anfang der 1920er Jahre als später Student am Bauhaus in Weimar, wo er zu einem prägenden Lehrer, zeitweise sogar zum Direktor wurde. Er war spät, schon 32 Jahre alt, hatte schon als Volksschullehrer gearbeitet. Aber er wusste auch genau, was er wollte: mit Glas arbeiten. Geld hatte er keins, also ging er mit Rucksack und Hammer auf die Müllhalde und zerschlug Flaschen. Aus den Scherben schuf er neuartige Glasbilder, die sich von der traditionellen Glasmalerei etwa in Kirchenfenstern unterschieden. Ein Raum stellt Beispiele vor, einige mit Quadraten, aber auch „Kaiserlich“ (um 1923), das wie ein altes Wappen anmutet.

Die Schau, die erste Retrospektive seit 30 Jahren, bietet reiches Material. Inzwischen, sagt Liesbrock, hat man auch wesentlich tiefere Einsichten in Leben und Werk des Künstlers. So sieht man aus der Bauhauszeit Fotocollagen von Albers, Möbel und eine Glas-Obstschale, die er entworfen hat, und Glasarbeiten, bei denen mit Sandstrahlen geometrische Muster auf eine farbige Fläche gebracht wurden.

Die Nationalsozialisten schlossen 1933 das Bauhaus. Albers und seine Frau Anni, die Textilkunst lehrte und der zur Zeit die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf eine umfassende Werkschau widmet, emigrierten in die USA. Dort, am Black Mountain College in North Carolina, unterrichtete Albers. Und er entdeckte auf mehreren Mexiko-Reisen die Kunst der Maya und der Azteken. Dieses „gelobten Land der abstrakten Kunst“ wurde für ihn zur Inspirationsquelle. Die Albers sammelten Keramik-Objekte und fotografierten. Und in den Fronten der Pueblobauten entdeckte Albers jene einfachen geometrischen Strukturen, die in der Serie der Adobe-Bilder mündeten. Zwei Räume sind den Mexiko-Reisen der Albers und den davon angeregten Bildern gewidmet.

Aber die Schau bietet auch Beispiele anderer abstrakter Bilder wie die wunderbar leichte Kombination von Blau und Grün mit zart schwingenden Linien in „In Open Air“ (1936) oder die X-Bilder („Four Xs in Red“, 1938), die vexierbildhaft mit der Wahrnehmung von Fläche und Raum spielen.

Ein Raum stellt Albers‘ Spiritualität vor. Der Künstler redete nicht viel darüber, aber er war gläubiger Katholik, besuchte täglich die Messe. Dass die Quadrat-Bilder eine meditative Qualität haben, dass man in ihnen abstrakte Ikonen sehen kann (ähnlich wie beim schwarzen Quadrat von Malewitsch), ist offensichtlich. Aber wie intensiv Albers sich mit sakraler Kunst auseinander setzte, das sieht man hier. Nach dem Krieg besuchte der Künstler die Hochschule für Gestaltung in Ulm. Und er ließ sich zu den Kirchen Süddeutschlands fahren, wo er Architekturdetails und Heiligenskulpturen fotografierte.

Ein abschließender Raum lässt ahnen, welchen Nachhall Albers‘ Schaffen hatte mit Werken von US-Künstlern wie Ad Reinhardt, Agnes Martin, Robert Ryman und Donald Judd. Diese aufregende Ausstellung verdeutlicht überzeugend die Qualitäten von Albers in seiner Heimat.

Bis 7.10., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0201/ 616 290,

https://josefalbers.villahuegel.de, Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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