Videos und Fotos von Gillian Wearing in der Kunstsammlung NRW

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Sie verbirgt sich hinter dem eigenen Gesicht: Gillian Wearings „Self Portrait at 17 Years Old“ (2003) ist in Düsseldorf zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DÜSSELDORF–Plastikfolie verzerrt das Gesicht der Frau. Aber selbst das Antlitz ist nur eine Maske. Sie steht dem Betrachter in einer Art Beichtstuhl gegenüber, ein Video, und sie gesteht, dass sie mit einer Freundin einen Mann unter Drogen gesetzt und ausgeplündert in einem Hotel zurückgelassen hat. Es war ein Racheakt: Er hat die eine Freundin mit der anderen betrogen. Das Video gehört zum Kunstprojekt „Confess All On Video. Don't Worry, You Will Be In Disguise. Intrigued? Call Gillian ...“, das Gillian Wearing 1994 mit einer Zeitungsanzeige in Gang brachte.

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zeigt im K 20 am Grabbeplatz die erste große Werkschau von Wearing im deutschsprachigen Raum. Die 1963 in Birmingham geborene Künstlerin irritiert mit ihren Aktionen, Fotoserien und Videos. Ein Foto, dem Rasenstück Dürers nachgebaut, steht nicht still, sondern bewegt sich, ist ein Video. Eine Strecke von privaten Schnappschüssen entwickelt ein Eigenleben, dass man sich fühlt wie in Harry Potters Zauberschule Hogwarts.

Wearing geht dahin, wo es schmerzt. Für ihre Arbeit „Sixty Minute Silence“ (1996) ließ sie Feuerwehrleute auf einem Festpodium in Uniform posieren wie für ein Foto, nur dass eine Videokamera eine Stunde lang jedes Wackeln, jedes Zurechtrücken der Kleidung, jedes Räuspern festhielt. Von Minute zu Minute wird es unangenehmer, zuzuschauen, weil immer offensichtlicher wird, welche Qual es bedeutet, so lange posieren zu müssen.

Wearing wurde bekannt mit einer Porträtserie. Für ihr Projekt „Signs that say what you want them to say and not Signs that say what someone else wants you to say“ (1992/93) sprach sie Menschen auf der Straße an und fotografierte sie mit einem weißen Schild, auf dem sie eine sie selbst betreffende Botschaft notierten. Berühmt wurde der smarte, junge Banker, der notiert hatte: „I'm desperate“ (Ich bin verzweifelt), ebenso der Polizist mit der Nachricht: „Help“. Den Besucher in Düsseldorf empfängt eine Fotowand mit Dutzenden Porträtierten, die manchmal nur scherzen, sich manchmal aber auch ungewöhnlich öffnen. Der lange Titel benennt das Moment der Selbstdarstellung, das in den Bildern steckt: Zeichen, die sagen, was du sie sagen lassen willst, und nicht Zeichen, die sagen, was jemand anders dich sagen lassen will. Die Situation überfiel die Menschen, und der Banker zum Beispiel war im Nachhinein erschrocken über seine Selbstoffenbarung.

Wearing spielt mit Rollen, Vorstellungen, Träumen der Menschen. Sie bringt sie dazu, Geheimnisse aufzudecken, weil sie anonym bleiben. Eine Frau offenbart, dass ihr älterer Bruder sie sexuell missbrauchte und Jahre später sagte, er habe keine Erinnerung an so etwas. Ein Mann sagt, dass er sich vorstellt, ihm werde der Penis operativ entfernt. Solche Äußerungen schockieren – und haben zugleich etwas Reinigendes. Wearing macht den Besucher zum Voyeur und zum Beichtvater in einem. Sie erkundet Seelenabgründe und fragt, wie sich ein Selbst bestimmen lässt, wie sich Rolle und authentische Identität zueinander verhalten.

Im Video „Bully“ (2010) lässt sie Schauspieler eine Mobbingszene improvisieren, wobei ein Schauspieler den Regisseur darstellt, der ebenfalls im Bild ist. Am Ende soll das „Opfer“ von seinen Gefühlen sprechen. Und obwohl die Inszenierung so komplex mit mehreren Spielebenen läuft, wirken die Gefühle von Angst und Aggression real.

Sie setzt sich auch mit Medienphänomenen auseinander: In „Family History“ (2006) reflektiert sie die erste britische Reality-TV-Serie, die sie selbst als Kind als prägend empfand. Eine Darstellerin, Heather, die damals 15 war, wird nun, als 47-Jährige, von der bekannten britischen Talkmasterin Trisha Goddard darüber interviewt, was es bedeutet, als Pubertierende landesweit bekannt zu werden. Sie bekommt die Chance, die Situation, in der man ihr die Privatheit nahm, zu kommentieren, ihre Rolle neu zu bestimmen.

Schließlich aber ist Wearing oft selbst Darstellerin ihrer Arbeit. In mehreren Serien lässt sie detaillierte Masken herstellen, mit denen sie in die Rolle anderer Menschen schlüpft. Das können Verwandte sein, ein Onkel, ihre Mutter, ihr Bruder. Das können auch künstlerische Vorbilder sein wie die Fotografen Robert Mapplethorpe und Diane Arbus, der Künstler Andy Warhol. Man sieht den Onkel mit der 60er-Jahre-Frisur, dem korrekten Anzug, dem Lächeln – alles wie auf einem typischen Foto jener Zeit, eine Pose, steif und künstlich. Nur die Augen sind anders, sind die der Künstlerin, die man durch eine Öffnung in der Maske erblickt. Wie tief kann man in einen anderen eindringen? Wie sicher ist die eigene Identität und wie deutlich geschieden vom Leben der anderen? Am befremdlichsten sind vielleicht die Selbstporträts, die Wearing auf diese Weise herstellte. Im Foto reist sie in ihre eigene Vergangenheit, zeigt sich als 17-, als Dreijährige. Ein ernstes Kind mit unheimlich wissendem Blick.

Bis 6.1.2013. di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 0211/ 83 81 204, http://www.kunstsammlung.de

Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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