„Verwandte Seelen“ – Emil Nolde und Emil Schumacher

+
Das „Friesenhaus“ malte Emil Nolde 1910, zu sehen im Emil-Schumacher-Museum in Hagen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ HAGEN–Es vermittelt sich ganz selbstverständlich. Emil Schumachers Zeichnung „Straße im Tessin“ (1932, Tuschpinsel) hält mit ähnlich wenigen Strichen fest, was auch Emil Nolde in dem kleinen Bild „Dorfstraße“ (1908, Rohfeder) für unverzichtbar erachtete.

Eine Straße, Häuser, Bäume. Hier ein Hund, dort eine Frau, ein Wagen, so einfach und eindrücklich behandeln beide Künstler ihr Thema. Nun ist der Blick auf Haus und Landschaft ein tradiertes Sujet der Kunstgeschichte und schnell in Einklang gebracht. Das Genre harmonisiert selbst expressive Spielarten. Aber die Ausstellung „Verwandte Seelen“ im Emil-Schumacher-Museum in Hagen überrascht viel grundsätzlicher, wie nah sich beide Künstler waren, bei der Behandlung von Natur und Mensch.

Aus der Emil Nolde Stiftung in Seebüll sind 46 Bilder nach Hagen gekommen. Dazu sind 52 Exponate von Emil Schumacher gehängt. Das Haus hat die Dauerausstellung rausgeräumt und auf zwei Etagen Platz geschaffen. Es ist eine fulminante Ausstellung geworden, „die im Herzen gewachsen ist“, sagt Manfred Reuther für die Nolde Stiftung. Und Ulrich Schumacher weiß, dass dieser Ausstellungswunsch schon lange gehegt wurde. Er war mit seinem Vater früher Gast der Nolde-Stiftung. Nicht nur die Gemälde des deutschen Expressionisten interessierten Emil Schumacher auch die Arbeitsweise der Stiftung. Kurator Alexander Klar sagt, dass die Nolde Stiftung eine Vorbildfunktion für die Institution in Hagen hatte.

Am Anfang der Schau ist Schumachers „Adumin“ (1988) zu sehen. Ein großes Format, das mit dunklem wie strahlendem Blau Wasser und Meer assoziiert. Braun, wie ein Stück Gebirge wirkt das zweite Bildelement in der expressiven Malerei. Schwarz und Weiß sind als situative gestische Reflexe auf dem Farbgrund hinterlassen. Schumacher führt seine Erfahrung mit Landschaft über die Abstraktion zu einer neuen Natürlichkeit der Malerei an sich. Sein Blau und Braun vibrieren und vermitteln ein Gefühl von der ursprünglichen Kraft. Schumacher schafft innere Landschaften. Er malte das Ruhrtal, er reiste ans Meer, nach Nordafrika. Alles findet sich wieder.

Die Landschaftserfahrung verbindet Emil Nolde (1867-1956) und Emil Schumacher (1912-99). Nolde bleibt mit seinen dramatischen Impressionen mehr dem Naturalismus verbunden. In dem Gemälde „Hohe Sturzwelle“ (1948) ist das Dramatische am Wogenkamm zu sehen und im orang-blauen Kontrast des Himmels, folglich eingebunden ins Bild vom Meer. Dagegen schafft Schumacher mit seiner expressiven Abstraktion ein Gefühl, das aus der Natur rührt, aber das Gegenständliche nicht mehr braucht. Es fühlt sich anders an, stofflicher, haptischer.

Nolde hat auf einer Überfahrt auf dem Skagerrak (Nordsee) sich an einen Mast binden lassen, um die Wucht des Meeres zu erleben. Für seine 20 Herbstbilder (1910/11) war er auf der Ostseeinsel Alsen. In Hagen ist schön zu erkennen, dass sich Nolde schrittweise vom tradierten Blick aufs Meer hin zu einer abstrakten Farbmalerei bewegt. Im Zustand seiner Farbstudie „Herbstmeer VII“ ist die Horizontlinie nur noch zu erahnen, so dominant schwappen, strömen und kreisen Lila und Pink ineinander. Später wurde Noldes Werk wieder gegenständlicher.

Formal sind die Positionen der Künstler beim Thema Zivilisation und Natur weit auseinander. Das „Friesenhaus“ (1910) verbindet sich farblich mit Garten, Himmel und Umgebung. Nie stört ein Gebäude in Noldes maritimen Ansichten. Er schafft die malerische Atmosphäre für die künstlerische Utopie, dass Mensch und Natur zusammen gehen. Ein tiefes Anliegen in der deutschen Kunst seit der Romantik.

Bei Schumacher, der ebenfalls das Menschliche mit der Natur eint, dominiert eine urwüchsige Gestik. In der Gouache „G-19“ (1989) erhält das skizzenhafte Haus gar ein Eigenleben, das aus der emotionalen Arbeitsweise Schumachers rührt und letztlich selbst naturhaft scheint.

Die Ausstellung legt solche Assoziationen nahe, weil Bilder immer wieder vergleichend gehängt sind. Dabei werden Themen wie Bäume, Tiere, Figuren, Berge und Wolken exemplarisch aufbereitet – mit einigen Bildern von Emil Schumacher, die noch nie gezeigt wurden.

Die Schau

Eine verblüffende Nähe ist zwischen zwei Malern nachzuweisen, die die Kunst des 20. Jahrhunderts mitbestimmt haben.

Verwandte Seelen im Emil-Schumacher-Museum Hagen

Bis 23. Januar 2011; di-fr 10 bis 17 Uhr, sa/so 11 bis 18 Uhr; Ab 4. November: do 13 bis 20 Uhr. Katalog im Dumont-Verlag 29,99 Euro.

Tel. 02331 / 3060066. http://www.esmh.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare