„Die verlorene Oper“ von Ostermaier und Arnarsson bei Ruhrfestspielen

Wer ist eigentlich wer? Identitätssuche als clownesker Kehraus eines „Ruhrepos“ in Recklinghausen. Es spielen Bettina Lamprecht (von links), Hubert Wild, Aljoscha Stadelmann, Jakob Benkhofer, Maximilian Grünewald und Mathias Max Herrmann.

RECKLINGHAUSEN - „Was für ein Werk hätte das werden können“ – die Ruhrfestspiele blicken auf ein Opernprojekt zurück, das Bertolt Brecht und Kurt Weill 1927 angegangen sind. Eine „Industrieoper“ für alle Menschen im Revier, an einem Opernhaus in Essen, das modern und bedeutend für die Gesellschaft sein wollte. Carl Koch waren bereits Filmaufnahmen in den Krupp-Stahlwerken erlaubt worden. Denn das junge Medium Film sollte im epischen Theater Brechts erprobt werden. Aber als die Kapitalismus-Kritik bekannt wurde, folgte antisemitische Hetze gegen Kurt Weill und die Berliner „Künstlerclique“. Das Projekt scheiterte. Zwei Jahre später feierten Brecht/Weill ihren großen Erfolg „Die Dreigroschenoper“ in Berlin.

Diese verpasste Chance haben die Ruhrfestspiele aufgegriffen. Ein Ruhrepos, ein revolutionäres Werk bis zur Gegenwart – was könnte das heute sein? Intendant Frank Hoffmann beauftragte den Romancier, Dichter und Festivalleiter Albert Ostermaier (Text). Das Schauspielhaus Hannover trat als Partner an, und eine „Ruhroper“ sollte die Intendanz von Hoffmann krönen. Daraus wurde nichts.

Im Festspielhaus Recklinghausen bringen sich sieben Darsteller hinter Schreibtischen in Sitzhaltung. Lampen strahlen, Papier wird zerknüddelt, Wasser spritzt und Stühle verdreht. Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson inszeniert hektische Vergeblichkeit. Was soll hier zusammen kommen?

In einer mehrstimmigen Lesung wird das Jahr 1927 als idealisierte Momentaufnahme der Moderne gefeiert: U-Bahn, Telefon, Rennwagen, Literatur von Kästner, Gedichte von Benn, Josephine Bakers Bananentanz, die Partys von Galerist Flechtheim... es schäumt, aber es ist alles bekannt. Und das Ruhrgebiet?

Nichts zu hören. Was Albert Ostermaier geschrieben hat, ist nicht auszumachen. Vielmehr wird aus einem Textfundus geschöpft, der im Programmbuch ausgebreitet wird. Die Inszenierung kolportiert sich durchs Material. Aljoscha Stadelmann zeigt Bert Brecht als bipolaren Frauenaufreißer und Kulturmacher. Das wird saftig bis zur Schmerzgrenze gespielt – Helene Weigels Enttäuschung ist zu hören.

Beim ersten Treffen von Brecht und Weill berühren sich ihre Finger. Stadelmann wird hochgehoben, wie beim Stagediving. Es ist ein magisches Bild, das gekonnt überzogen wird. Die Komik kommt vor allem aus der Übertreibung, die unbeholfen wirken soll, um nicht das Illusionstheater zu bedienen. Immer wieder werfen die Darsteller beide Arme hoch, heben sie an zum V, zu Brechts Verfremdungseffekt. Mehr als Theater-Kalauer sind das nicht. Es ist langweilig, letztlich blöd.

Albert Ostermaier („Natürlich kann ich das schreiben“) wird von Jakob Benkhofer letztlich als Verzweifelter ausgestellt. Der Auftrag von Hoffmann mündet in der Einsamkeit des Autors. Ein Blatt Papier, eine Schreibmaschine quälen Ostermaier: „Mir fällt nichts ein“. Die Projektionsfläche für Videobilder ist hochgefahren und in der Tiefe des Bühnenraums bleibt der Autor allein. Benkhofer gibt dem Scheitern eine widersetzliche Kraft. Ist er ein Opfer der Kunst?

Hubert Wild singt Schubert-Lieder ganz melancholisch im Hintergrund. Arno Waschk (musikalische Leitung) begleitet auf dem Flügel. Das „Lied von der ersten Kohle“ ist immer mal zu hören. Hier wird postmodern dekonstruiert, nicht geordnet, nicht bewertet.

Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson beschwört das Scheitern. Monologe werden zu Litaneien, Brecht stopft Ostermaier Papier ins Maul, E-Mails werden projiziert und vorgetragen – die Schreibblockade ist das Kernthema des Abends. Vielleicht hätte es die Jelinek machen sollen? Was für den Augenblick amüsiert, läuft zu einem Sarkasmus auf, der das Spiel, die Oper an sich infrage stellt. „Ruhrepos“, etwas Unmögliches? Stillstand, Langeweile, Auflösung. Das ist alles spürbar, und deshalb kommt ein Großteil des Publikums nach der Pause gar nicht wieder.

Im zweiten Teil wird die Kohleproduktion von schrullig kostümierten Wesen geschildert und zum vorhersehbaren Gag aufgepumpt. Immer mehr schwarze Kugeln fluten die Bühne – Stolperfallen. Wenn die Ewigkeitskosten im Ruhrgebiet 13 Milliarden Euro betragen, dann ist die Realität schon so unglaublich, dass sich Regisseur Arnarsson für einen absurden Theater-Kehraus entscheidet. Das Regietheater begleitet, beschönigt, weicht aus, flankiert die Textsammlung und gefällt sich dabei sehr selbstbezogen

Die Bühne ist zum Sammelsurium für Unbrauchbares geworden. Das Ziel „Ruhrepos“ ist verfehlt. Voxi Bärenklau (Videodesign) vergrößert dagegen Katja Gaudard auf der Projektionsfläche, als sie die Schimpfworte des Reviers aufsagt, eine Überfigur banaler Alltagssprache, die sich in Monotonie festquatscht. Uwe Reichelt, ein Bergmann, kommt im Video zu Wort: „ein Bierchen getrunken“ – alles wahr, kitschig und vergangen.

Ende 2018 ist es mit dem Bergbau ohnehin vorbei. Im Festspielhaus wird das Licht schon mal ausgeschaltet. Kein schönes Ende für die Hoffmann-Ära. In Hannover soll „Die verlorene Oper“ am 31. Januar starten. Glück auf!

15., 16. 6.; Tel. 02361 / 92 180; www.ruhrfestspiele.de

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