Verdis „Il Trovatore“ wird in Dortmund grandios gesungen

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Leonora (Susanne Braunsteffer) zwischen Graf Luna (Sangmin Lee, links) und Manrico (Stefano La Colla). Szene aus der Dortmunder Verdi-Inszenierung. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ DORTMUND _Leonora hat den Troubadour nur einmal gesehen, hört seine schmachtenden Liebeslieder und ist hin und weg. Als sie glaubt, dass er im Krieg gefallen sei, will sie ins Kloster gehen. Leicht entzündlich und dann umso ausdauernder sind die Gefühle in Giuseppe Verdis Oper „Il Trovatore“ (1853). Katharina Thoma inszeniert den Vierakter an der Oper Dortmund. Die Regisseurin kann die Figuren, die vorwiegend im Ausnahmezustand gezeigt werden, immer wieder plausibel machen. Vor allem aber glänzt die Produktion mit ihrer Besetzung.

Sangmin Lee singt die Bariton-Partie des Grafen Luna dermaßen elegant, gefühlig und licht, dass die bösartigen Züge kaum zu identifizieren sind. Stefano La Colla als Manrico, der Troubadour, verfügt (nach anfänglichen kleinen Ungenauigkeiten) über enorme Kraft und Leidenschaft, die das spektakuläre hohe C am Ende des dritten Aktes strahlen lassen. Dass er auch die zurückgenommenen, fahlen Töne beherrscht, beweist die Kerkerszene mit Hermine Mey als Zigeunerin Azucena. Die Mezzosopranistin gibt mit farbenreicher, auch in dunklen Bereichen lodernder Stimme eine starke Frauenfigur, deformiert von Traumata und Rachsucht.

Auch Leonora ist in Dortmund mit großem emotionalen Format ausgestattet. Susanne Braunsteffer lässt sie von der schwärmerisch Verliebten zur Heldin reifen, die sich am Ende opfert für Manrico. Sicher und präsent strömt ihr Sopran in allen Lagen und profiliert dabei eine Leonora ohne Pose und Pathos.

Thoma stellt die Figuren in ihren verwickelten Beziehungen aus: Als Liebende (Leonora und Manrico), als Rivalen in einem Bürgerkrieg und um eine Frau – und als Brüder, die nichts von ihrer Verwandtschaft wissen (Luna und Manrico). Damit folgt die Regie der Erzählstruktur der Oper, die die großen Entwicklungen nur kurz abhandelt und dafür den Gefühlslagen weiten Raum und bewegende Musik überlässt.

Dies konkretisiert Thoma in ihren oft nur sparsam bewegten Szenen: Wenn Graf Luna sich und der Welt seine unerwiderte Liebe zu Leonora beteuert, ist er bald ganz allein. Sogar seine Gefolgsleute können die Obsession ihres Befehlshabers nur noch schwer ertragen.

Auf die hohen Mauern des Bühnenbildes (Julia Müer schuf eine wandelbare Festungs-, Lager- und Kerkeranlage) werden Fotos und Filmsequenzen projiziert, die die Handlung aus dem 15. Jahrhundert näher an die Gegenwart transportieren: Der Spanische Bürgerkrieg der 1930er Jahre wird auch andernorts gern genommen als Hintergrund für den „Troubadour“. Dazu tippt Thoma noch die aktuellen Konflikte im Nahen und Mittleren Osten an.

Ein konkreter Deutungsansatz wird zwar nicht greifbar. Doch die Schicksale von Leonora, Luna, Manrico und Azucena kann Thoma so schlüssig aktualisieren: Sie sind auf verschiedene Weise Opfer von Hass, Vorurteilen und uralten Konflikten, stehen hoffnungslos zwischen den Fronten. Dazu passen die Armeeuniformen (Kostüme: Irina Bartels) von Lunas Gefolgschaft, zu der zunächst auch Leonora gehört. Die Zigeuner wiederum werden zwischen Folklore-Klischee – fast jede Frau schaukelt einen Säugling im Arm – und Guerillataktik gestellt.

Lancelot Fuhry lässt die Dortmunder Philharmoniker sehr mild und passiv agieren. Er setzt stärker auf Verdis Melodien als auf die Effekte der Partitur. Dabei wird jedoch äußerst präzise, wohlklingend und durchhörbar musiziert. Und dem fabelhaften Solisten-Quartett kommt diese Zurückhaltung ohnehin entgegen.

8., 16., 24., 27. Februar, 2., 10. 15., 21., 30 März, 6., 14. April.

Tel. 0231/5027222

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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