Verdis „Falstaff“ an der Dortmunder Oper

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Sir John Falstaff hat viel gesehen, viel geprasst und ist oft davongelaufen. Für jetzt besteht seine Welt aus Windsor, dem Örtchen, in dem zwei reiche Frauen seiner warten – glaubt er. Bühnenbildner John Lloyd Davies hat das Städtchen verpackt in eine Kiste, die mit Streifen wie ein Schildwachhaus bemalt ist. Um sie dreht sich Falstaff: Er schaut auf die Häuschen wie auf eine Modellbauwelt. Später ragt sie wie eine Festung vor ihm auf. Er kommt auch wohl hinein, aber sehr schnell wieder heraus. Im dritten Akt rückt die Windsor-Kiste in die Ferne und wirkt vor blaumarmoriertem Bühnenhintergrund wie ein seltsamer Stern im All.

Im Dortmunder Opernhaus bringt Beverly Blankenship, die dort bereits Mozarts „Don Giovanni“ und Strauss‘ „Rosenkavalier“ inszenierte, Verdis zweite komische Oper, seine letzte überhaupt (1893), als Lustspiel gegen das Spießbürgertum auf die Bühne. Die Bewohner von Windsor fühlen sich von dem abgetakelten Ritter in ihrer Ehrbarkeit gestört, werden aber endlich doch von ihm hingerissen. Ich bin das Salz in eurer Suppe, lässt Verdis genialer Librettist Arrigo Boito Falstaff sagen; und in Dortmund bringt der Ritter den Menschen von Windsor das pralle Leben näher. Im Vordergrund der abschließenden Sommernachtstraum-Szene ragt eine riesige Calla-Lilie mit mächtigem Blütenstempel auf. Weder Bildsprache noch Symbolik sind neu, alles wird aber schön zusammengefügt und umgesetzt.

Die Männer in dieser Schildwachwelt sind Abziehbilder mit Melonen und Fahrrädern. Ford (mit markiger Stimme und komischer Geste: Simon Neal) versucht, gegen Falstaffs immenses Schwert mit einer Kinderschere anzutreten.

Hannes Brock und Marko Spehar stecken als Bardolfo und Pistola in Hörnerhelm und Schottenrock wie abgetakelte Altrocker (Kostüme: Susanne Hubrich) und rösten über einer Mülltonne einen Gartenzwerg, das ultimative Symbol der Spießigkeit.

Die Damen folgen dem Verhaltenskodex auf eigene Art: Alice in koketten Schühchen und Röckchen (Christina Rümann) und Meg Page (Maria Hilmes), die unterm Etuikleid einen Schwangerschaftsbauch herumträgt, würden gern bei dem feurigen Werber schwach. Mrs. Quickly (bestens aufgelegt: Andrea Rieche) klaut Wäsche von der Leine und zerrt Falstaff ohne Federlesen in die Kulissen. Julia Amos als Nannetta erfüllt mit Craig Bermingham, der den Fenton als Naturburschen gibt, die Liebesszenen mit herrlichem Überschwang. Stephan Boving als Dr. Cajus bietet einen schönen, leichten Spieltenor.

In diesem homogenen Ensemble ist Jacek Strauchs Falstaff der Höhepunkt: Er bietet schwarze Tiefe, er zeigt Resignation und Existenznot Falstaffs in heftigen Ausbrüchen, er falsettiert salbungsvoll als komischer Liebhaber. Blankenship stellt ihm eine Ritterrrüstung zur Seite, die ihm als alter ego folgt und immer zusammenklappt, wenn es Falstaff mulmig wird.

Die Dortmunder Philharmoniker unter ihrem Chef Jac van Steen finden einen gelösten Ton. Fedrig klingt es aus dem Orchestergraben, pointiert und klar bis auf wenige Ausrutscher. Van Steen hat hörbar Freude daran, die Selbstzitate in Verdis Partitur zu betonen: die Liebesseufzer; das „Aida“-Zitat in der Anrufung von Falstaffs Bauch.

Blankenship löst die Verwirrspiele auf in eine nächtliche Begegnung, bei der alle Hüllen fallen: Die Windsorianer stecken in Wattekörpern mit üppigen Brüsten, drallen Bäuchen und Hintern, sie hüpfen und springen. Meg Page bringt einen Mini-Gartenzwerg zur Welt, und der eben noch verhöhnte Falstaff schaut amüsiert zu, wie sich Ford mit einem rosa Schleifchen ein Feigenblatt vor den Wattepenis hängt.

Die Oper

Giuseppe Verdi schrieb eine leichthändige, gelassene Komödie; Beverly Blankenship lässt in ihrer Inszenierung Spießbürger und tragikomische Gestalten aufeinanderprallen: Falstaff an der Oper Dortmund.

22.,28.4.; 2.,15., 23.5.;

Tel. 02 31 / 50 27 222;

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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