„Verborgene Chronik“: kollektives Tagebuch aus dem Kriegsjahr 1914

+
Da zogen sie noch fröhlich an die Front: Deutsche Soldaten im August 1914.

Von Ralf Stiftel Manchen ging es gut im Weltkrieg. Max Schmidt, Feldpostsekretär, zum Beispiel lobt am 14. Dezember 1914, seinem Geburtstag, die Unterbringung in Douai: „Wir wohnen ja in einem feinen Haus, und zum feinen Haus gehört auch ein Weinkeller. Nahezu 1000 Flaschen weißer Burgunder lagern im Keller. Das gibt gemütliche Abende! Es fehlt aber auch nicht an Bier. (…) Kisten zu fünfzig Halbliterflaschen stehen stets bereit. Da wir zur Verpflegung täglich 12 Francs bekommen und dafür auch alles kaufen können, was wir wollen, leben wir tatsächlich wie Gott in Frankreich.“

Hermann Christian Kurz ging es am 18. November deutlich schlechter: „Ich liege in meinem Loch und friere ganz jämmerlich (…) In den sehr tiefen, aber ebenso engen Gräben hatte sich das Wasser angesammelt und einen Sumpf gebildet, in dem die Stiefel stecken blieben.“ Die zwei so unterschiedlichen Momentaufnahmen stammen aus einem einzigartigen Projekt. Lisbeth Exner und Herbert Kapfer haben aus privaten Tagebuchaufzeichnungen von 37 Autoren die „Verborgene Chronik“ zusammengestellt. Tag für Tag wird der Leser durch den Weltkrieg geführt, im ersten Band vom 27. Juli 1914, dem Tag vor der Kriegserklärung Österreich-Ungarns, bis zum 1. Januar 1915. Zwei weitere Bände sollen folgen.

Doch schon dieser Anfang zeigt, welche Qualitäten es haben kann, diese Zeugnisse so zu montieren, zur vielstimmigen Erzählung einer Epoche. Die Texte stammen aus der Sammlung des Deutschen Tagebucharchivs, eines Vereins, der im südbadischen Emmendingen private Lebenszeugnisse sammelt und der Wissenschaft zur Verfügung stellt. Die Herausgeber schufen aus diesen bislang unveröffentlichten Quellen eine Art Übertagebuch des Kriegs nach dem Vorbild von Walter Kempowskis monumentalem Montagewerk „Echolot“. Die Zeitgenossen empfanden offenbar die historische Bedeutung dessen, was sie gerade erlebten. Es gab, so die Herausgeber in ihrem Vorwort, einen Boom der Tagebücher in jener Zeit.

Die Tagebücher waren kaum für eine Veröffentlichung bestimmt und sind darum vielleicht die verlässlichsten Zeugnisse für die Gefühle ihrer Autoren. Nicht gefiltert durch den Blick des Forschers, der es im Nachhinein naturgemäß besser weiß, erfährt der Leser, wie es damals „wirklich war“. Das bezieht sich nicht auf die Fakten. Viele Notizen geben wieder, was die Menschen in Zeitungen lasen. Und das konnten auch Propagandalügen sein wie Meldungen über französische Flieger, die angeblich Nürnberg bombardierten, wie es Annemarie Pallat am 2.8. notiert. Bekanntlich begann der Krieg für Deutschland mit dem völkerrechtswidrigen Überfall auf die neutralen Staaten Belgien und Luxemburg. Leider werden solche Sachverhalte nicht kommentiert, es hätte wohl das Projekt zu sehr verzögert. Man muss diese Texte also im Bewusstsein lesen, wie subjektiv und fehlbar sie verfasst wurden. Sie sprechen zuerst von der Gefühlslage ihrer Autoren. Hilde Grapow aus Kassel berauscht sich an Erfolgsmeldungen, wieder und wieder: „Ein Unterseeboot von uns, U 9, hat neulich drei englische Panzerkreuzer zum Sinken gebracht! Es ist famos!!!“ (28.9.)

Wenige Quellen bringen einen so nah an die Menschen jener Zeit heran. Besonders am Anfang schreiben manche Autoren im Ton von Betriebsausflügen. Junge Reservisten schmücken die Zugwaggons mit Bierflasche und Rettich. Bekannt sind die nationalistischen Kampfreime: „Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit.“ Hilde Grapow merkt an: „Ich habe mich mal schlapp gelacht!“ Max Schmidt notiert am 15.8.: „Durch eine herrliche Landschaft marschierten wir nur vier Stunden nach Ville, einem kleinen, aber sauberen Dörfchen.“ Man könnte denken, dass die deutschen Truppen im Vollrausch kämpften, so oft finden sich Hinweise auf Weinkeller, in denen man sich bediente. Am verlassenen Schloss des Comte de Chérisey schreibt Richard Piltz: „Ein trauriges Bild des Krieges! (…) Den Umständen angemessen schlemmten wir. Ich gabelte noch eine Flasche Rotwein auf.“ (17.8.) Oder, noch knapper, Otto Gehrke: „Weinkeller wird geleert und feste getrunken.“ (23.8.)

Aber natürlich täuschen solche Momentaufnahmen. Diese Notizen bieten unendlich viele Grautöne. Da ist der alte Oberst, der auf Wunsch der Familie anonym bleibt, kein Wunder, so hasserfüllt geifert er sich aus, besonders über die Engländer: „Diese schurkische Nation müsste vernichtet werden...“ (2.11.) Da ist Milly Haake aus Hamm, die ihren Lehrer als „Enzio“ anschmachtet und am Ende den Bruder betrauert. Da ist Karl Groppe, der mitleidlos von Strafmaßnahmen gegen angeblich heimtückische Belgier berichtet: „Wo Männer lebendig gefangen wurden, banden wir sie zu vieren zusammen und erschossen sie.“ Da ist der Mediziner Georg Becker, der durchschaut, wie schlecht die Sanitäter vorbereitet sind. Da ist Josef Glaser, der in russische Kriegsgefangenschaft gerät – die er bei allen Leiden auch als große Abenteuerreise quer durch Asien bis nach China erlebt.

Und da sind viele Berichte von der Schlacht, denen Betroffenheit und Traumatisierung abzulesen sind. Kameraden sterben. Verwundete liegen zwischen den Schützengräben, ohne dass ihnen geholfen werden kann. Granaten schlagen ein.

Eine solche Textsammlung kann natürlich kein Geschichtsbuch ersetzen. Es fehlt an Übersicht, an Einordnung. Aber wie die Menschen sich fühlten, wie sie den Großen Krieg wahrnahmen, das zeigt dieses Buch in mal berührenden, mal erschreckenden Nahaufnahmen.

Lisbeth Exner und Herbert Kapfer (Hgg.): Verborgene Chronik 1914. Galiani Verlag, Berlin. 413 S., 24,99 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare