Venedig-Bilder in Reithalle Schloss Neuhaus Paderborn

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Ein Traum in Blau: Paul von Ravensteins „Serenade am Canal Grande“ (1894). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ PADERBORN–Unverschämt blau liegt die Nacht über dem Kanal. Wir sähen die Gondolieri und ihre Passagiere, blitzte da nicht das grelle Licht der Laternen in unser Auge, vor denen ein Gitarrist eine romantische Weise schmachtet. So stellt man sich wahrscheinlich noch heute eine Nacht in Venedig vor, so hat sie um 1894 Paul von Ravenstein gemalt, die „Serenade im Canal Grande“. Das Bild versammelt viele Touristenklischees. Und ist doch in seiner kühnen Kontrastierung der Farben verblüffend modern.

Zu sehen ist Ravensteins Gemälde in der Ausstellung „Venedig Bilder“ in der Städtischen Galerie in der Reithalle Schloss Neuhaus in Paderborn. Die Schau, eine Kooperation mit der Städtischen Galerie Karlsruhe, bietet mit rund 100 Kunstwerken von rund 40 Künstlern eine Übersicht darüber, wie deutsche Maler im 19. Jahrhundert eins der schon damals attraktivsten Tourismus-Ziele darstellten.

Venedig als Thema der Kunst war schon im 19. Jahrhundert nicht mehr neu. Die Stadt war zu Renaissance-Zeiten ein reicher und mächtiger Staat und lockte Maler und Bildhauer. Canaletto und seine Kollegen schufen im 18. Jahrhundert berühmte Stadtansichten. Nach 1800 war es mit der Pracht nicht mehr weit her, die Stadt war Spielball der europäischen Politik geworden, erst von Napoleon erobert und geplündert, dann zum Königreich Lombardo-Venetien geschlagen. Die Stadt verfiel – und entdeckte den Fremdenverkehr. 1822 wurde der erste Palast zum Hotel umgebaut. Venedig war fester Bestandteil sowohl der Grand Tour der wohlhabenden Vergnügungsreisenden als auch der Künstler, die in den Süden fuhren, um von den Alten Meistern zu lernen. An diese Vorbilder knüpfen Künstler wie Friedrich Nerly („Blick über das Bacino di San Marco in Venedig“, um 1843/46), Albert Rieger (mit dem von leuchtenden Rottönen durchtränkten „Sommerabend in Venedig“; um 1880) und Oswald Achenbach („Abendstimmung in Venedig“, 1893) an. Diese Stadtansichten mit ihrer Detailtreue und Tiefenschärfe sollen Erinnerungen wecken oder auch Sehnsucht. Meisterlich werden da auch Details behandelt wie das Spiel der Wellen und die Möwen am Himmel.

Die große Vergangenheit inspirierte die überwiegend vom Akademismus geprägten Maler der Schau auch in anderer Hinsicht. Man kopierte die Meisterwerke in Museen und Kirchen der Stadt. Auch das sieht man in Paderborn: Kopien nach Tizian und Veronese. Mehr noch: Man inszenierte Geschichte wie Emanuel Leutze, der 1857 „Tizians Lagunenfahrt“ malte. Der Meister sitzt da im Boot, flankiert von hübschen Damen, und im Boot nebenan singen Musikanten. August Wolf wiederum zeigt 1883 ein Liebespaar auf einer Bank, er natürlich mit Laute, damit die Hände beschäftigt sind, im Hintergrund die Skyline der Lagunenstadt.

Venedig gibt genug Motive her für eine anregende Schau, zumal hier, wenn auch nur mit einzelnen Stücken, bekannte Künstler wie Carl Spitzweg, Max Liebermann, Hans Makart und Carl Schuch vertreten sind. Man kann sehr schön verfolgen, wie sich der Geschmack wandelt von den repräsentativen Panoramen zu lebendigeren, alltäglicheren Ansichten. Die Veduten der Akademiekünstler weichen Darstellungen, für die sich die Künstler der Wirklichkeit stellten. Gustav Schönleber und Ludwig Dill zogen mit dem Skizzenblock durch die Gassen auch der weniger prächtigen Insel Chioggia. Auf einmal waren nicht mehr nur die Fassaden der alten Paläste bildwürdig, sondern Jugendliche vor einer Mauer und Fischer. Selbst dem vertrauten Markusplatz gewann Louis Kolitz 1892 eine neue Seite ab, indem er Touristen darstellt im Gestöber flatternder Tauben. Und die Bewegung des Motivs findet ihre Entsprechung im flüchtigen Farbauftrag, in der lockeren Malweise.

Monumental schildert Ludwig Dill 1883 den Kanal, aber den Palazzo rückt er buchstäblich an den Rand. Die strahlenden Farbtöne früherer Bilder sind einem vielfach nuancierten Grau gewichen. Dafür breitet er vor uns das Gewusel der Kähne und Boote aus, dass man sich gar nicht entscheiden kann, wohin man schauen soll.

Abgerundet wird die stimmige Schau, die einen prächtigen Vorgeschmack von Urlaub gibt, durch eine Auswahl historischer Aufnahmen, die der deutsche Fotograf Jakob August Lorent in den 1850er Jahren machte. Die Technik erforderte damals lange Belichtungszeiten, darum sind die Szenen menschenleer, ist das Wasser der Kanäle zu einem opaken Spiegel erstarrt. Die Melancholie dieser Fotos liefert den Kontrast zu den romantischen Fantasien der Maler.

Die Schau

Eine Städtereise in prachtvollen Gemälden des 19. Jahrhunderts: Venedig-Bilderin der Städtischen Galerie in der Reithalle , Schloss Neuhaus, Paderborn .

Bis 3.7., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251/ 88 10 76, http://www.paderborn.de/kultur,

Katalog 24,80 Euro

Quelle: wa.de

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