„Van Eyck bis Dürer“ im Groeningemuseum, Brügge

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Im Hintergrund liegt Schnee: Die „Geburt Christi“ des Meisters der Münchner Marientafeln ist die älteste bekannte Darstellung einer Winterlandschaft in der Tafelmalerei, zu sehen in Brügge. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BRÜGGE–Eisig weiß liegt der Schnee auf dem Dach des Stalls und auf der Landschaft im Hintergrund. Lange Zapfen hängen vom Dach. Umso größer fällt der Kontrast auf zum Geschehen im Vordergrund: Da knien Maria und Josef vor dem neugeborenen Christus, anbetend, und die Gottesmutter geschmückt von einem goldenen Schein. Den hat auch das Kind, aber mehr noch, es liegt nicht auf einer Decke, sondern wird getragen von 30 rot gewandeten, winzigen Engeln. Der unbekannte Meister der Münchner Marientafeln hat mit diesem Bild um 1450/60 etwas Einzigartiges geschaffen: Die erste bekannte Winterlandschaft in der europäischen Tafelmalerei.

Zu sehen ist das Kunstwerk in der Ausstellung „Van Eyck bis Dürer“ im Groeningemuseum in Brügge. Als die belgische Stadt 2002 Kulturhauptstadt Europas war, hatte sie eine Ausstellung gezeigt, die versuchte, die Beziehung der frühen flämischen Meister zum Mittelmeerraum nachzuzeichnen, speziell zur italienischen Renaissance. Der Erfolg des Programms ließ die Stadtväter 2005 ein Festival gründen, das alle fünf Jahre den Tourismus mit Kultur ankurbeln soll, Brugge Centraal.

Die aktuelle Schau ist Hauptereignis des Festivals und untersucht nun die mächtige Strahlkraft der altniederländischen Kunst in östlicher Richtung, von Deutschland und Österreich über Polen bis ins Baltikum. Fast 300 kostbare Leihgaben decken das Thema geradezu enzyklopädisch ab. Die Gemälde, Skulpturen und Papierarbeiten kommen aus den ersten Museen der Welt, vom Pariser Louvre und dem Prado in Madrid bis zum Metropolitan Museum in New York und dem Getty Museum in Los Angeles. Aber auch kleine Institute trugen Werke bei, die noch nie in Westeuropa zu sehen waren. Eine ungewohnte Erfahrung für Kurator Till-Holger Borchert: Er musste nicht um Leihgaben bitten, zum Teil wurden ihm Werke angeboten, an die er noch gar nicht gedacht hatte.

Im Groeningemuseum ergeben sich packende Entdeckungen besonders für Besucher aus Nordrhein-Westfalen. In diesen Regionen hinterließen die Neuerungen der flämischen Primitiven wie Jan van Eyck, Rogier van der Weyden, Hugo van der Goes und Hans Memling besonders deutliche Spuren. Es handelt sich ja auch um die unmittelbare Nachbarschaft, und zwischen den burgundischen Niederlanden und Metropolen wie der Bischofsstadt Köln und der Hansestadt Soest gab es einen regen Austausch. Eins der Prunkstücke der Schau ist zum Beispiel eine Tafel mit der Heiligen Barbara, gemalt 1438 vom Meister von Flémalle als Flügel des sogenannten Werl-Altars. Der Theologe aus Westfalen hatte in Köln Karriere gemacht und ein kostbares Kunstwerk in Flandern bestellt. Dort produzierten Künstlerwerkstätten für den Export, und ihre Arbeiten wurden von Kollegen studiert und kopiert. In der Iserlohner Stadtkirche ist ein Schnitzaltar aus Brügge zu sehen, zu dem der westfälische „Meister von Iserlohn“ um 1440/50 gemalte Flügel schuf. Der Austausch ist da in einem einzigen Werk zu studieren.

Dieses monumentale Kunststück kam nicht nach Brügge, dafür eine kleine Tafel mit einer Mariendarstellung des Meisters aus dem Westfälischen Landesmuseum in Münster, dazu Werke von Johann Koerbecke und dem niederrheinischen Meister Derick Baegert. Dessen Darstellung des Heiligen Lukas beim Malen der Madonna (um 1480) knüpft erkennbar bei flämischen Vorbildern an, wie sie der Meister von Flémalle und van der Weyden formulierten. Und es gab viel zu lernen in den Niederlanden. Da war ein neuer, dünner Farbauftrag, der den Pinselstrich praktisch unsichtbar machte und so die Möglichkeit eröffnete, unterschiedlichste Stoffe und Oberflächen darzustellen. Die Meister hatten bereits eine Vorstellung vom Raum in ihren Gemälden, und sie setzten effektvoll den Einfall des Lichts, das Spiel der Schatten und Spiegelungen ein. Sie führten eine neue Form des Realismus ein, indem sie Alltagsgegenstände vom Mobiliar bis zur Vase in ihre sakralen Motive integrierten. Der virtuose Illusionismus eines Jan van Eyck ist zum Beispiel in der Brügger Madonna des Joris van der Paele zu studieren, am Porträt des knienden Stifters mit seinem Greisengesicht und den gichtigen Händen, aber auch in der Ausstattung des Raumes mit Fliesen, Teppichen, Glasfenstern, Säulen.

All das schauten sich die Künstler Europas ab und fanden dann wieder eigene Lösungen für ihre Bilder. So führt die Schau in einer Hängung nach Regionen immer weiter östlich, zeigt wertvolle Tafeln des Kölner Meisters Stefan Lochner, des Elsässers Martin Schongauer, des Nürnbergers Albrecht Dürer und vieler weiterer, oft heute unbekannter Künstler. Sehr schön ist in einzelnen Fällen zu sehen, wie sich die Meister wechselseitig inspirierten: Schongauer schuf einen Kupferstich vom Marientod, in dem er Motive Rogiers verarbeitete – und ein Jahrzehnt später griff in Gent Hugo van der Goes wiederum Schongauers Komposition auf. Und Dürers großartiger Heiliger Hieronymus (1521), der den Finger als melancholisches Zeichen auf einen Schädel legt, wird vom Antwerpener Maler Joos van Cleve kopiert.

Die Fülle freilich ist ein Problem der Ausstellung. Längst nicht jedes Exponat aus polnischen Dorfkirchen hängt aus Qualitätsgründen in der Schau, sondern eher als Dokument. Den Kunsthistoriker mag das freuen, der Ausstellungsbesucher wird überlastet und droht, herrliche Porträts zum Beispiel von Michel Sittow und Rueland Frueauf in der Masse der Exponate zu übersehen.

Die Schau

Üppige Präsentation, die den kulturellen Austausch der altniederländischen Malerei mit den Nachbarn in Mittel- und Osteuropa dokumentiert. Van Eyck bis Dürer im Groeningemuseum in Brügge, bis 30.1.,

di – so 9.30 – 18 Uhr,

Tel. 0032/ 50 / 44 46 60, http://www.bruggezentral.be,

Katalog (dt.) 39 Euro, im Buchhandel Belser Verlag, Stuttgart, 59,95 Euro

Allg. Infos: Tourismus Flandern/Brüssel, Köln, 0221/270 97 70,

http://www.flandern.com

Quelle: wa.de

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