Sendungsbewusst: Das Mariinsky-Orchester unter Valery Gergiev in Dortmund

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Valery Gergiev leitete im Konzerthaus Dortmund das Mariinsky-Orchester.

Von Edda Breski

DORTMUND - Drei Abende Prokofjew: Am Konzerthaus Dortmund war jetzt das Mariinsky-Orchester unter Valery Gergiev zu Gast. Drei Tage lang spielte es Werke von Prokofjew, darunter die Oper „Die Verlobung im Kloster“ und das Oratorium „Iwan der Schreckliche“.

So schnell holt die Politik den Kulturschaffenden ein: Als das Management des Mariinsky-Orchesters und der Intendant des Dortmunder Konzerthauses, Benedikt Stampa, das Programm für die Prokofjew-Zeitinsel in Dortmund aushandelten, war vermutlich von der Krim-Annektion noch keine Rede, geschweige denn von der andauernden Ukraine-Krise. Aber nach Sotchi, der triumphalen Präsentation von Putin-Russland als wintersportliche Großmacht, kamen die politischen Krisen. Auf einmal war, abgesehen vom Personal, auch das Programm des Dortmunder Mini-Festivals äußerst politisch. Denn als abschließendes Werk spielte das Mariinsky-Orchester unter dem Putin-Freund Valery Gergiev das Oratorium „Iwan der Schreckliche“.

Prokofjew hatte die Musik zwischen 1941 und 45 für einen Eisenstein-Film über das Leben des ersten großen russischen Alleinherrschers geschrieben. Sie zeichnet den Weg des Autokraten durch Krieg und Gewalt zur Macht nach. Aber sie breitet auch eine Märchenfolie aus. Natursymbolik wird mit Motiven aus Religion und Volkssage gemischt und verweist auf den Mythos des Zaren als durch Gott, Natur und Volk legitimierten Herrscher. Es ist eine starke, farbige Musik, ein Film auch ohne laufende Bilder. Geschichte und Mythos fusionieren zum Zeitkommentar; denn Prokofjew schrieb „Iwan“ nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion. Der Dirigent Abram Stassewitsch schuf 1961 eine anderthalbstündige Fassung, die am Samstag in Dortmund zu hören war.

„Iwan der Schreckliche“ vereint orientalische Melodik – als der Krieg gegen die Tartaren beschrieben wird – und martialische Marschmusik. Drangvoll finsterer Patriotismus – in dem Chor, der das Aufgehen des russischen Reichs „aus den Gräbern der Feinde“ beschwört – begegnet zarten Lyrismen. Diese Musik der Widersprüche kann man derzeit wohl kaum so hören wie unter Gergiev: mit vulkanischem Tremor, gleißenden Eruptionen, dabei ständiger und unerbittlicher Kontrolle unterliegend.

Der superbe Mariinsky-Chor durchmisst ein Spektrum von wahnhaft bis prophetisch. Die Geschichte Iwans wird von dem Bassisten Michail Petrenko vorgetragen. Mit makellosem Parlando navigiert er zwischen Wahnsinn und Sendungsbewusstsein. Die Altistin Ekaterina Sergeyeva singt die Beschwörung des russischen Meeres und das rätselhafte Biberlied (als Tante Iwans, die dessen Frau Anastasia vergiftet). Große Oper!

Ironie in der „Verlobung im Kloster“

Das Mariinsky-Orchester war zum dritten Mal in sechs Jahren in Dortmund. Das hiesige Publikum hatte drei Tage lang Gelegenheit, eines der russischen Vorzeige-Orchester zu erleben und damit eine, trotz Globalisierung, noch eigene Klang- und Spielkultur, in der Wärme und plastische Klangausformung mehr gelten als abstrakte Perfektion. Der Mariinsky-Chef Gergiev ist ein berüchtigter Hochdruckmusiker, der am Pult allerdings nicht immer gleich luzide arbeitet. Auch diese Bandbreite war in Dortmund zu erleben, vom ersten Abend, an dem alle fünf Klavierkonzerte Prokofjews aufgeführt wurden, bis zu den Vokalwerken am zweiten und dritten Abend.

Die Oper „Die Verlobung im Kloster“ entstand 1940. Während Stalin noch hoffte, dass sein Geheimbund mit Hitler hielt, der Nachbar Polen schon aufgeteilt war, schaute Prokofjew, seit 1936 zurückgekehrt aus Amerika, ins 18. Jahrhundert zu dem englischen Lustspieldichter Sheridan. Dessen Komödie „Die Duenna“ adaptierte er selbst. Die Oper lebt von Ironie und Übertreibung. Die Komödienhandlung ist weniger wichtig als Charakterzeichnung. Es lohnt sich, durch Gergievs Hochdruck-Tendenzen hindurchzuhören, zum Beispiel wenn Don Jeronimo, der seine Tochter an den Fischhändler Mendoza verschachern will, gnadenlos verspottet wird. Während er singt, bringen Kastagnetten scheinbar spanisches Kolorit in die Szene, in Wirklichkeit aber ahmen sie Gelächter nach.

Die Musik reicht in die Sphäre des Zirkus oder des Karnevals. Sie dreht das große Spaßrad und macht kleine, scharfe Witzchen. Don Jeronimo gibt sich mit einer „Hausmusik“ als gebildeter Mann aus, aber das Orchester demaskiert den Gernegroß, Trommel und Klarinette humpeln durch ein „Konzert interruptus“.

Die Sängerpartien sind an der russischen Sprechmelodie orientiert, die Sänger müssen ein präzises Parlando beherrschen. Gergiev hat wunderbare Sängerdarsteller mitgebracht. Evgeny Akimov ist eine Art Helden-Buffo-Mix mit glasklarem Timing. Sergei Aleksashkins Mendoza exerziert Nuancen der Grobheit durch. Sein weiblicher Gegenpart ist Larissa Diadkovas hochkomische Duenna. Anastasia Kalaginas Luisa bringt funkelnde Koketterie ins Spiel. Die Sänger der kleineren Partien bedienen passend ihre Rollen, vor allem die betrunkenen Mönche. Im Orchester sind Klangfarben von quecksilbriger Ironie bis klotziger Düsterkeit (in den Mönchs-Szenen) zu bewundern, allerdings überschreitet die Lautstärke zuweilen die Schmerzgrenze.

Die Mariinsky-Musiker könnten das wohl noch dann ausgezeichnet spielen, wenn man sie nachts um halb vier verschlafen an die Instrumente setzte. Sie bilden eine bestens geschmierte Maschinerie, darauf gedrillt, wann der Klang ironisch schillern und wann ein Walzer alkoholisch schwanken muss. Es ist ein wenig, als hätte man einen liebgewordenen Hausmantel an: Jede Naht, jede Unebenheit ist vertraut, jede Falte ein Zuhause. Gegen überstarke Routine hält Gergiev ein explosives Mittel parat: sein bekanntes Hochdruckmusizieren.

Dichtes Musizieren in der Cinderella-Suite

Exemplarisch war das in der Cinderella-Suite zu hören. Sie klang insgesamt, als würde mit zu viel Druck für den feinen Dortmunder Saal gespielt. Die hohen Streicher, in der „Verlobung“ farbreich, wenn auch körnig, klingen hier oft überbrilliant. Das Adagio ist aufgeladen, dass einem die Luft wegbleibt; dann kommt der große Walzer, ein accelerando mit einem Höhepunkt, in dem die Musik ineinanderstürzen scheint, so dicht klingt sie. Das dauert nur sieben Minuten, danach hat man A. die Ohren frei und B. die Schwelle zum Sinnesrausch überquert.

Die Kontraste zwischen den Stimmgruppen verlaufen wie Kollisionen zwischen Grundfarben: den selbstbewussten tiefen Streichern, dem markigen Blech, dem grell glänzenden Holz. Allein die sechs Schlagwerker mit einem gewaltigen Instrumentarium von Glocken bis Kastagnetten sind ein Erlebnis: Sie könnten mit den Uhrschlägen zum Ende des Balls Tote aufwecken. Für den an moderatere Aufführungen gewohnten Zuhörer wirkt das wie Ironie, gemeint ist es aber als pure Großartigkeit.

Wenn das Konzerthaus mit dieser „Zeitinsel“ einen Verdienst erworben hat, dann vor allem diesen: den künstlerischen Wert des Widersprüchlichen zu betonen. Wenn das Kunst nicht lebendig hält, was dann?

Die nächste Zeitinsel am Konzerthaus Dortmund widmet sich im März 2015 dem Jazzmusiker Nils Landgren. Tel. 0231/22 696 200, www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

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