Valentina Lisitsa spielt Rachmaninow in Dortmund

+
Valentina Lisitsa

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Wenn es eine „gläserne Pianistin“ gibt, dann ist sie es: Valentina Lisitsa hat eine Youtube-Kanal mit mehr als 30 Millionen Zuschauern, lässt sich online beim Proben zuschauen und rangierte mit Musikvideos zumindest zeitweise auch bei Amazon ganz oben – mit Klickzahlen, von denen andere klassische Musiker nur träumen. Was vielen in der Klassikbranche noch suspekt ist – die Eigenvermarktung über das Netz – ist bei Lisitsa clevere Strategie und vielleicht Vorbild für künftige Interpreten.

In Dortmund war die Ukrainerin, die in den USA lebt und hauptsächlich in Nordamerika tourt, nun live zu erleben: zur Eröffnung einer Zeitinsel, die sich auf Werke Sergej Rachmaninows und Alexander Skrjabins konzentriert. Lisitsa gilt als Rachmaninow-Expertin, die auch ungewöhnlichere Zugänge wählt; so hat sie das zweite Klavierkonzert ohne Orchesterbegleitung eingespielt.

In Dortmund wirkt ihr Spiel zunächst wolkig. Sie spielt sich mit Skrjabin warm: zwei Etuden, den „Deux Poèmes“ und der „Sonate-Fantaisie“, die unter ihren Händen verschwimmt. Auch die „Poèmes“ klingen wie beiläufig. Lisitsa ist eine sehr gute Technikerin, meistert auch rasanteste Passagen absolut mühelos – und ihr Tempo ist sehr oft beeindruckend. Es fehlt aber an Kontur und dynamischer Differenzierung. Sie wird noch das Nocturne für die linke Hand spielen: empfindsam, mit beeindruckender Virtuosität.

Vier Rachmaninow-Etuden schließen sich an: vier betörende Miniaturen. Das g-moll-Prelude opus 23 Nr. 5 ist das schönste von allen, gespielt mit der richtigen Mischung aus Aplomb und Sentiment, dabei balanciert. Lisitsa handhabt die technischen Anforderungen furchtlos, aber gelassen, das macht ihren Zugang angenehm. Ihre Phrasierung und Tempi sind oft eigenmächtig, wenn auch insgesamt mit einem Hang zum Gleichförmigen. Ihr Klang ist ansprechend, weich und glanzvoll, wenn auch weniger differenziert, als man sich wünschen würde. Symptomatisch ist der erste Satz der d-moll-Sonate Nr. 1: Die große Steigerung zum Schluss gewinnt gewaltige Dynamik, doch kurz vor dem Kulminierungspunkt fängt sie sich und spielt so kontrolliert weiter, dass beim Zuhören etwas zu entgehen scheint. Der zweite Satz gelingt besser, weil sie wie traumverloren spielt und ihre Technik diesem Ausdruck unterordnet. Weil sie so weich spielt, „ertrinken“ Details, gelegentlich verkanten sich Phrasen.

Liszts „Totentanz“ bekommt man selten so schnell zu hören. Lisitsa schärft das „Dies irae“-Thema zu, bis es im rasanten Finale zusammenstürzt.

Lisitsa, die sich insgesamt angenehm unprätentiös präsentiert, spielt eine halbe Stunde Zugaben: Liszt, Schubert und Chopin.

Das Konzerthaus Dortmund widmet sich Rachmaninow und Skrjabin. Heute und Freitag spielen die Staatskapelle Dresden und Boris Berezowsky unter Kirill Petrenko. Samstag gibt es Rachmaninows Vesper mit dem Estnischen Kammerchor.

Tel. 02 31/22 696 200,

http://www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare