Uraufführung von John Neumeiers neuer Choreografie „Um Mitternacht“ in Essen

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Ein Tänzer, ein Pianist: Alexandre Riabko tanzt und spannt sich in „Vaslaw“ zu Träumen und Illusionen. Christoph Eschenbach spielt dazu am Flügel. Szene aus dem großen Tanzabend von John Neumeier in der Philharmonie Essen. 

Von Edda Breski ESSEN -  Es gibt wohl kaum eine von Gustav Mahler vertonte Zeile, die häufiger zitiert wird als die erste des fünften Rückert-Liedes: „Ich bin der Welt abhanden gekommen.” In den Rückert-Liedern verarbeitete Mahler seinen Wunsch nach Weltabkehr und Hinwendung zur Musik, die ihm Ruhe und Zuflucht, zugleich aber Antrieb war.

Der große Choreograf und Hamburger Ballettchef John Neumeier hat Ballette geschaffen, die zu Mahler eine große Affinität zeigen. Seine neueste Arbeit für sieben Tänzer hat er zu den Rückert-Liedern geschrieben. „Um Mitternacht” entstand darüber hinaus in enger Zusammenarbeit mit dem Pianisten Christoph Eschenbach und dem Sänger Matthias Goerne. Es wurde am Freitag in der Philharmonie Essen vom Hamburg-Ballett uraufgeführt.

Neumeier hat in seiner Autobiografie „In Bewegung” seine Annäherung an Mahlers Musik beschrieben, die das Weltliche reflektiert und bricht durch Tanzmusik. Ländler und Walzer nehmen darin die Funktion von Übergangsriten ein, es sind Erlebnisse und Erinnerunge, die überwunden werden müssen, um die Hinwendung zum Transzendenten zu erreichen. In „Um Mitternacht” bringt Neumeier ein lyrisches Ich auf die Bühne, das sich zwischen Nacht und Tag, zwischen Chaos und Kontemplation zu finden sucht: einen kraftvollen, verwirrten jungen Mann (Edvin Revazov). Er findet eine nächtliche Gefährtin (Anna Laudere), die ihm entgleitet, er träumt von einem Gegenüber, in dem er Ruhe findet, er trifft eine andere. Die ätherische Silvia Azzoni, die in Hamburg eine große Karriere erlebt hat, liegt wie ein junges Blatt in Revazovs Armen in „Ich atmet’ einen linden Duft”. Paare eilen vorbei, der Mann mischt sich ein. Neumeier hat einen Pas de deux für zwei Männer geschaffen, der halb Kampfspiel ist, halb von Liebessuche erzählt.

Matthias Goerne ist ein sehr körperlich agierender Sänger; was er singt, dem verleiht er durch Bewegung Nachdruck. Er singt die Rückert-Lieder emphatisch, wenn auch gelegentlich zu druckvoll, agiert in Kooperation mit den Tänzern einfühlsam, unterstützt von Eschenbachs Spiel, das die Gesangslinie vorsichtig einbettet.

„Ich bin der Welt abhanden gekommen” ist der Kern des Balletts. Der Suchende erkennt, dass er mit seiner Suche Teil der Welt ist. Er erkundet sie in kraftraubenden Sprungserien. Darum hat Neumeier als Klammer „Liebst du um Schönheit” gelegt, das Mahler ein Jahr nach den anderen Liedern für seine Frau Alma schrieb. Der Mann findet seine Gefährtin, in kühler Weltabkehr getanzt von der großartigen Anna Laudere, wieder und erlangt, für einen zarten Augenblick, Ruhe.

Strukturell ist „Um Mitternacht” chaotischer und moderner, dabei symbolistischer als Neumeiers frühere Arbeiten. Der Essener Abend zeigte Entwicklungen; Neumeier feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Jubiläum in Hamburg. In den „Kinderszenen” nach Schumann (1974) studiert er aus einer klassischen Übung heraus, wie der Tänzer sich und seine Rolle im Raum erfährt: kraftstrotzend, kokett, am Ende heiter-reflexiv. Die kühl-anmutige Hélène Bouchet tanzt „Fast zu ernst”, als probiere sie ihre Kraft. Einmal wendet sie sich zu Christoph Eschenbach, wie um sich der Situation zu versichern. Die Beziehung des Tänzers zum Choreografen, dessen Vorstellungen er umsetzt, wird gespiegelt in jenem zum Musiker, der das Werk des Komponisten umsetzt. Christoph Eschenbach spielt jeden Ton, als wolle er dessen Bewusstseinszustand nachforschen.

„Vaslaw” (1979), choreografiert auf Tanzsätze von Bach, ist natürlich eine Hommage an die übergroße Ballettfigur Nijinsky, aber zugleich die Studie eines Schaffensprozesses. Wie in „Um Mitternacht” steht ein einzelner Mann im Zentrum (Alexandre Riabko), seine Illusionen und Träume schaffen neue Welten und holen auch ihn ins aktive Leben.

In Essen war auch ein Auftritt des 2011 gegründeten Bundesjugendballetts zu erleben. Es steht unter Neumeiers Intendanz und ist an sein Ballettzentrum angebunden. Die sechs Tänzerinnen und Tänzer zeigten Neumeiers „Petruschka-Variationen” (1976) begleitet vom jungen Pianisten Christopher Park mit Witz und Kraft, ein starker Gegenpol zu den kontemplativeren Balletten.

Quelle: wa.de

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