„Unter Druck“: Kölner „Tatort“ mit Bär und Ballauf

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Schenk (Dietmar Bär, links) mit Betriebsleiter Peters (Volker Weidlich), der mit dem Mordopfer gestritten hat. Szene aus „Unter Druck“. ▪

An der Leiche wartet ein neues Gesicht auf Kommissar Schenk. „Dr. Roth? Der hat Urlaub. Überarbeitet.“ Der Pathologe ist nicht der Einzige im Kölner Ermittlerteam. Der Tatort „Unter Druck“ führt in die Arbeitswelt mit einem schlagzeilenträchtigen Fall. Im Verlagshaus des Kölner „Abendblatts“ wurde Carsten Moll über eine Brüstung gestürzt. Der Unternehmensberater sollte mit seiner Chefin Rita Landmann das Zeitungsunternehmen fit für die Fusion mit einem englischen Konzern machen. Was meistens bedeutet, dass Mitarbeiter entlassen werden. Von Ralf Stiftel

So lernen die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Berendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) bei ihren Ermittlungen die schöne neue Business-Welt kennen. Unternehmensberaterin Landmann schaltet am Handy sofort auf Smalltalk auf Englisch um. Und Geschäftsführer Fraude (Johann von Bülow) kommt morgens mit dem Rollkoffer aus London und gibt einige Kostproben jenes internationalen Slang, den Kölner Kriminalisten erst im zweiten Anlauf eindeutschen können. Wunderbar spielt der Drehort mit, ein großer Kölner Verlag ließ Regisseur Herwig Fischer im gläsernen Firmensitz wunderbare Blicke auf die Skyline der nächtlichen Domstadt einfangen. Und weil vor einem Jahr im Januar auch Schnee lag, passt sogar das kalte Wetter bestens.

Vor allem aber verzichtet Drehbuchautorin Dagmar Gabler auf die sonst oft üblichen Verstrickungen im Privaten. Natürlich gibt es auch hier Liebesaffären und eifersüchtige Ex-Freunde. Anzeigentelefonistin Elli Klein (Christin Heim) zum Beispiel hatte eine Affäre mit Moll. Und ihr Freund, der in der Druckerei arbeitete, ist untergetaucht. Aber es gibt „zu viele Verdächtige“, sagt Schenk einmal. Und die haben gute materielle Motive für einen Mord: Es geht um Existenzen.

Da ist der WDR-Krimi ganz nah am heutigen Wirtschaftsalltag. Unternehmensberater verdienen ihre Millionen ja längst nicht mehr nur in großen Medienkonzernen. Und der knorrige Betriebsleiter Peters (Volker Weidlich), der mit seinem Aquarium am Arbeitsplatz so offensichtlich die Vergangenheit verkörpert, der hatte sich doch in der Tatnacht mit dem Opfer gestritten. Vielleicht ist ja auch der wendige Personalchef Kahn betroffen, den Felix Vörtler so nuanciert als immer freundliches, nie ehrliches Ekel spielt.

In alledem spiegelt sich der Alltag der Polizisten, die ihrer überlasteten Innendienstlerin Franziska (Tessa Mittelstaedt) immer neue Aufgaben aufbürden, die sie, so Ballauf, „eine nach der anderen abarbeiten“ solle. Der Staatsanwalt macht Druck, die Journalisten finden immer neue Schlagzeilen, so dass selbst Opa Schenk nicht zum Vorlesen nach Hause kommt. Alle überlastet. Und gibt es da noch menschliche Beziehungen? Als Ballauf die Unternehmensberaterin nach ihrem Kollegen fragt, stellt sie ihm ein Zeugnis aus: „Wach, intelligent, ein Top-Performer“ sei Moll gewesen. Und als Mensch?

Dieser Tatort gefällt durch seinen Realismus, der in einer geradlinigen und spannenden Geschichte entwickelt wird. Der Humor stützt dabei die grundsätzliche Wirklichkeitsnähe, und selbst, wenn ein wenig doziert wird, fügt sich das schön in Handlungsablauf und Charakterzeichnung. Und Klasse-Darsteller, von denen man einige von den Bühnen des Reviers kennt wie Bülow und Vörtler, überzeugen ebenfalls in diesem Sittenbild aus dem modernen Geschäftsleben.

So, ARD, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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