„Uns trennt das Leben“ ist ein ARD-Drama um einen Jungen, der ein Mädchen tötete

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Er warf den Stein. David (Jannik Brengel) sitzt in einer forensischen Klinik in dem ARD-Film „Uns trennt das Leben“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ Die kleine Tine wird in dem ARD-Film „Uns trennt das Leben“ sterben. Aber das Drama von Alexander Dierbach wird einen nicht ängstigen. Auf eine sensible Art gelingt es dem Regisseur und Drehbuchautor, den Tod eines sechsjährigen Mädchens in das erzählte Dasein dreier Paare einzubetten. Als Täter kommt nur der achtjährige David in Frage. Selten wird mit einem schweren Filmstoff so sachdienlich umgegangen.

Damit gelingt es der ARD, sich über ein Filmgenre dem Unerträglichen zu nähern: Ein Kind tötet ein Kind. Es ist die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, solche Schicksalserfahrungen, die in der Mitte unserer Gesellschaft passieren, zu beleuchten. Weshalb hat David den Stein geworfen? Was machen die Eltern der getöteten Tine? Was denkt Davids Mutter? Wie kann die Psychologin herausfinden, ob David vorsätzlich, also gewalttätig, oder unglücklich, also unabsichtlich gehandelt hat?

Alexander Dierbach geht jeder Frage nach, ohne die Dramaturgie des Films auf die Antworten zuzuspitzen. Es gibt in „Uns trennt das Leben“ keinen klassischen Spannungsaufbau. Es wird sich alles zeigen, ist ein Grundton in Dierbachs Erzählhaltung. Für ein Regiedebüt gelingt ihm eine souveräne Leistung.

Auf einer Hochzeit am See laufen zwei Kinder spielend in den Wald. Aber nur David (Jannik Brengel) kehrt zurück. Psychologin Nora, die in einer Psychiatrie arbeitet, fragt David. In Rückblenden wird erzählt, womit der Junge zu kämpfen hat. Sein Vater ist weg. Seine Mutter will mit ihrem Freund eine Familie aufbauen. „Ich versuche, einen neuen Papi für dich zu finden“, sagt Constanze (Anneke Kim Sarnau). Sie ist überfordert. Es wird bereits deutlich, dass diese Absicht dem Jungen wenig hilft. Er braucht die Mutter.

„Uns trennt das Leben“ verfällt aber nicht in Schuldzuweisungen. Das ist ein weiteres Plus für den Film. Jede Figur wird als Mensch maßvoll beschrieben. Dass die Opfereltern nicht gemeinsam trauern können, eskaliert zu keinem Geschlechterkrieg. Bei den beiden geht es eben nicht anders. Außerdem werden Alltagsabläufe gezeigt, die auch in der Notsituation eines Kindstodes unausweichlich sind. Zum Beispiel in der forensischen Klinik, wo David sein muss, und der Chefarzt bereits eine Meinung („frühkindliche Schizophrenie“) hat, die konträr zu den Ergebnissen der jungen Kollegin steht. Oder in der Beziehung von Davids Mutter, die um den Freund bangt, der ein Berufsangebot aus Berlin hat.

Etwas übertrieben ist die Randgeschichte um Tim, der Freund von Psychologin Nora. Er macht als Tischler pleite und ärgert sich, dass Nora ihm ihre Schwangerschaft verheimlicht hat. Sebastian Ströbel spielt den Empfindsamen, beleidigt und trotzig. So viel Egoismus stört die Balance im Film, zumal Schauspieler Sebastian Ströbel aufgrund einer erfolgreichen Reklame für Versicherungen bereits ein Image mitbringt. Nebenbei vermittelt „Uns trennt das Leben“ auch, dass Werbebotschaften die Glaubwürdigkeit eines Schauspielers belasten.

Authentischer wirkt da schon Julia Koschitz als Kinderpsychologin. Ihr minimalistisches Spiel schafft Raum und Stille. Sie bleibt mit ihrer Aufmerksamkeit bei David und löst das Rätsel über „rote Kreise“, „Tranquilizer“ und „Clown“.

So wirkt das Drama wie ein dokumentarisches Gegengift zum Schmerz der Betroffenen. Regisseur Dierbach vermittelt, dass nach dem Tod und dem Unglück das Leben weiter geht. Auch weil David sagt: „Ich wollte das nicht tun.“

ARD, 20.15 Uhr

Jannik Brengel

Regisseur Dierbach kannte Kinderdarsteller Jannik Brengel bereits von Rainer Kaufmanns Film „In aller Stille“. Deshalb waren beide sehr vertraut. Jannik wusste, dass er einen Jungen spielte, der ein Mädchen tödlich verletzt hat. Um ihn nicht zu sehr mit der schweren Thematik zu belasten, wurde während der Dreharbeiten ein alternatives Unterhaltungsprogramm veranstaltet. Jannik spielte in der Zeit viel Fußball.

Quelle: wa.de

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