Ungarische Kunst in Münster: „Little Warsaw“

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Symbolische Kunst: „Monument of the last biennial“ (2002) nennen András Gálik und Bálint Havas ihre Arbeit, zu sehen in Münster. ▪

Von Marion Gay ▪ MÜNSTER–Die Welt ist nicht mehr da. Nur noch ihr Grabstein. Und die eisernen Ketten, die sie einst in Form hielten. So symbolisiert die Skulptur „Monument of the last biennial“ (2002) der Künstler András Gálik und Bálint Havas den politischen Wandel Ungarns. Insgesamt acht Arbeiten aus den letzten zehn Jahren – Installationen, Videos und Dokumentationen – präsentiert die Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster (AZKM) unter dem Titel „Later On“. Die interessante Ausstellung findet statt im Rahmen des Projektes „Scene Ungarn in NRW“.

Geboren Anfang der 70er-Jahre in Budapest, wuchsen beide Künstler im Sozialismus auf. Ihre Zusammenarbeit begann in den späten 90ern, nach dem Studium an der Budapester Kunstakademie. Unter dem Namen „Little Warsaw“ gehören sie in Ungarn zu den bekanntesten Künstlern ihrer Generation. Ihre Arbeiten sind Reflexionen auf die Veränderungen der politischen Systeme, auf die Auflösung der Diktatur, den Wandel von Planwirtschaft in eine postindustrielle Marktwirtschaft.

Zu sehen ist die Video-Projektion „The Body of Neferiti“, 2003 Little Warsaws Beitrag zur Biennale in Venedig. Ausgangspunkt der Performance ist die 3000 Jahre alte Büste der altägyptischen Pharaogemahlin Nofretete, für die Gálik und Havas einen lebensgroßen Körper formten. Der Film zeigt, wie die Figur im Ägyptischen Museum in Berlin unter strengsten Sicherheitsbedingungen zusammengesetzt wird, bis Nofretete als schlanke Frau im Raum steht. Jetzt wirkt sie wie eine Heldin aus einem Computerspiel, unwirklich, fast unheimlich. Das Projekt führte damals zu Diskussionen, ob es legitim ist, so mit den Resten alter Kulturen umzugehen, sie künstlerisch zu transformieren.

Die Porträts zweier Männer stellt die Videoprojektion „Game of Changes“ (2009) nebeneinander: Links ein grauhaariger Mann im Hemd; rechts ein junger Mann im schwarzen Pulli. Little Warsaw kombiniert Ausschnitte aus einem Dokumentarfilm von 1971 mit aktuellem Filmmaterial. Zweimal spricht Zsigmond Karolyi über seine Auffassung von Kunst, als junger Künstler und als Professor der Kunstakademie Budapest. „Menschliche Beziehungen interessierten mich damals nicht“, sagt er heute. Alles scheint verändert, nur die Gesten sind noch dieselben.

Interessant auch die acht mal fünf Meter große Wandinstallation „Marble Street“ (2000). Die aus Kautschuk und Silikon nachgebildete Fassade zeigt einen antikisierten Torbogen, darauf eine heroische Figur mit Helm. Ein Überbleibsel des Sozialismus‘ in wabbeligem Gummi, wie eine abgezogene Tapete, eine abgestreifte Haut. Wie haltbar ist Kultur in Zeiten des historischen Wandels?

Die Arbeiten geben keine Antworten, sondern stellen immer neue Fragen, wie die Installation „Qualities“ (2001). Die zwölf lebensgroßen Gips-Plastiken zeigen Jungen der 70er- und 80er-Jahre, gleich gekleidet, mit individuellen Gesichtszügen. Nach Größe sortiert stehen sie nebeneinander, aufgereiht zum Appell. Ist das Leben in einer hierarchischen Gemeinschaft mit dem Streben nach individueller Identität in Einklang zu bringen? Die Figuren verweigern die Antwort. Sie haben die Augen geschlossen.

Quelle: wa.de

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