Unexpected: Islamische Kunst in Bochum

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Der Koran im Zentrum des Denkens: Mounir Fatmis Wandbild „Hard Head“ in Bochum.

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Zu zwölft sitzen sie auf Sofas, Sesseln, Boden, einige stehen. Die Mutter trägt das Kopftuch, die Töchter haben die langen Haare offen, sind geschminkt und geschmückt wie viele Frauen. Aus dem Libanon kam die Familie Eke nach Dorsten, ins Ruhrgebiet, wo der finnische Fotograf Tuomo Manninen ein Gruppenporträt aufnahm. Es ist nun im Kunstmuseum Bochum zu sehen, in der Ausstellung „Unexpected – von der islamischen Kunst zur zeitgenössischen Kunst“.

Mit der Schau beteiligt sich das Haus am Kulturhauptstadt-Projekt „Mapping The Region“ der Ruhr-Kunst-Museen. Es knüpft außerdem an eine erfolgreiche Reihe von Ausstellungen über die Weltreligionen an: „Zen und die westliche Kunst“ (2000) und „Das Recht des Bildes – Jüdische Perspektiven in der modernen Kunst“ (2003). Nun geht es um das Ruhrgebiet als Ort von Einwanderung, und um die dabei wichtigste Religion, den Islam. Drei Themenfäden laufen durch die Ausstellung. Da sind die Fotos von Manninen, der seit Mitte der 1990er Jahre weltweit Gruppen porträtiert. Einigen der zehn Familien aus dem Ruhrgebiet sieht man ihre Herkunft an, zum Beispiel den Makins aus Indonesien. Aber eigentlich wirken die Wohnzimmer unspektakulär, gutbürgerlich. Die Bilder erzählen von Integration.

Daneben gibt es rund 30 Objekte islamischer alter Kunst, die einige Vorurteile in Frage stellen. Gleich am Anfang der Ausstellung sieht man eine Miniatur aus dem Iran, entstanden zwischen 1550 und 1570, die eine Szene aus dem Leben des Propheten Muhammad schildert. Offensichtlich galt das Bilderverbot des Islam nicht immer so absolut wie bei heutigen Fanatikern. Schon eine Sternfliese aus dem 13. oder 14. Jahrhundert, ebenfalls aus dem Iran, zeigt eine männliche Figur. Noch älter sind Bronzeobjekte aus Zentralasien, zum Beispiel ein Räuchergefäß in Vogelform aus dem 12. oder 13. Jahrhundert. Diese kostbaren Exponate aus dem Pergamon-Museum in Berlin und dem Hetjens-Museum Düsseldorf zeigen die historischen Wurzeln der Kultur, die von Einwanderern mitgebracht wird.

Schließlich hat Kurator Necmi Sonmez elf Künstler aus zehn Ländern ausgewählt, die aktuelle Arbeiten zeigen. Auch dabei warten Überraschungen: Wer hätte mit zeitkritischen Zeichnungen aus Teheran gerechnet wie denen von Arash Hanaei? Der 1978 geborene Künstler fotografiert die Straßen der iranischen Hauptstadt und übersetzt sie in reduzierte Zeichnungen – als zeige er Einzeltableaus aus einem Comic. Dabei erscheint die Metropole des von den Mullahs propagierten Gottesstaates als moderner urbaner Raum, der von Produktwerbung, Verkehrswegen und Autos bestimmt ist. Die blanke Realität widerspricht den Versprechen und Drohungen der religiösen Fundamentalisten.

Die aus Kuwait stammende Künstlerin Hamra Abbas arbeitet hingegen nicht in ihrer Heimat, sondern in Islamabad und Boston. Ihre Foto-Inszenierung „Paradise Bath“ (2009) knüpft bei den schwülen Fantasien der europäischen Orient-Malerei im 19. Jahrhundert an, um Fragen von Frauenemanzipation und postkolonialem Denken zu stellen. Sie selbst agiert in einem türkischen Hamam als Dienerin, die eine nackte, blonde Westeuropäerin sorgfältig einseift, massiert und abspült – wie eine Sklavin.

Wandgroß ist die „Rose“ von Lara Balladi, eine digitale Collage, in der die aus Beirut stammende, in Kairo arbeitende Künstlerin die Tradition der Kaffeesatzleserei aufgreift. Das aus der Ferne abstrakte Muster des 4,10 mal 4,10 Meter messenden Bildes entpuppt sich von Nahem als Mosaik aus Kaffeetassen mit Muster, aus „Lesevorlagen“, zwischen denen mal Engelchen, mal Liebespaare gezeigt werden, kitschige Symboldarstellungen für das, was die Kunden von der Wahrsagerin hören wollen. Der Betrachter erfährt so von den tabuisierten und unterdrückten Wünschen der Frauen.

Monumental ist auch der Totenschädel, den der Marokkaner Mounir Fatmi auf die Wand des Museums malte – davor stellte er eine Motorsäge. Wo anatomisch das Gehirn sein müsste, sieht man Kalligrafie, eine Koransure über das Wissen. Mit der surrealen Pointe seines Werks „Hard Head“ zielt der Künstler auf das Verhältnis von Glauben und Denken. Solche aufklärerischen Positionen überraschen nicht nur, sie machen auch Hoffnung für eine Region, in der viele Kulturen miteinander leben.

Unexpectedim Kunstmuseum Bochum. Bis 10.10., di - so 10 - 17, mi bis 20 Uhr,

Tel. 0234/ 910 4230

http://www.bochum.de/kunstmuseum

Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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