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„Underworld“ an den Kammerspielen Bochum

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Von: Achim Lettmann

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Symbol für Evolution. Klára Alexová und Ibelisse Guardia Ferragutti (von links) agieren in „Underworlds“.
Symbol für Evolution. Klára Alexová und Ibelisse Guardia Ferragutti (von links) agieren in „Underworlds“. © Birgit Hupfeld

Theaterhäuser suchen nach alternativen Spielformen. Am Schauspielhaus Bochum wird ein „Gateway“-Experiment vom Künstlerduo Boogaerdt/von der Schoot vorgestellt: „Underworlds“.

Bochum – Aus den unendlichen Weiten des Weltalls taucht ein Ei auf, wird größer, wird raumfüllend und überformt mit seiner bildlichen Dynamik von der Rückwand aus die Bühnenfläche in den Bochumer Kammerspielen. Wow! Die Grundfesten des Theaterhauses werden aufgehoben: Die Gleichzeitigkeit von Zeit und Raum ersetzt das Künstlerduo Boogaerdt/van der Schoot durch einen mehrdimensionalen Darstellungsbetrieb. Die Performance oder Sound-Bild-Installation „Underworlds“, wie man will, changiert in einem halbdunklen Raum. Mal geht es um rituelle Spielhandlungen, mal dominieren effektvolle Video-Kreationen, aber vor allem schafft das Bühnengeschehen einen verrätselten Space. Gibt es Veränderung, Neuanfang, gar Selbsterfahrung?

„Underworlds“ diskutiert die Evolution, was wir wissen, was erfunden ist, was wir für unsere Identität brauchen. Als Erde und Himmel getrennt wurden, als ein Mädchen einen Baum pflanzte, heißt es da. Die Wendung „Ich will diesen Baum nach Uruk bringen“ zapft einen sumerischen Mythos an. Aus dem antiken Griechenland kommen Amor und Psyche hinzu. Der Erzählstrang in „Underworlds“ ist, wie sich Psyche gegen die Göttin Venus behauptet und Amor der schönen Psyche erliegt. Nach einem Missgeschick muss die schöne Königstochter am Ende noch um Amor kämpfen, der ihr beisteht. Gott Jupiter hilft und gibt einen Trank zur Unsterblichkeit aus. Oder war es Liebe?

Auf einer inselartigen Erhebung mitten im Schauspielraum (Bühne: Lena Newton) agieren Klára Alexová, Suzan Boogaerdt, Ibelisse Guardia Ferragutti und Jing Xiang wie in Zeitlupe. Das Ringlicht der Influenzer-Generation erhellt ihre Gesichter, lässt grelle Kostümfarben erkennen und wirft einen Lichtschimmer auf den Fortgang der Handlung, die mehr Märchen und Metamorphose ist, als dass ein Mythos vom deutschen Regietheater aktualisiert würde.

Man soll sich verlieren. Traumrealität oder Jetztrealität sind das Angebot. Karten („Die Heldin“, „Der Spiegel“) forcieren die Story. Psyche – nun ein Avatar auf der digitalen Projektionsfläche – muss Venus’ Aufgaben erfüllen, um zu überleben. Mikko Gaestels Videodesign erinnert an Gaming-Monitore mit fantastischen und visionären Räumen. Vogelköpfe sind wie Götzen aufgestellt, Höhlengänge der Unterwelt erstrahlen golden. Verheißung und Sehnsucht spielen auch beim Sound (Remco de Jong, Florentijn Boddendijk) eine Rolle. Vor allem überwiegen sphärische Elektro-Klänge einer originären Welt. Wo Vögel eine böse Schlange attackieren, ein Popsong selbstironisch nach Liebe fragt. Die Kostüme und Masken von Lotte Goos verstecken binäre Körper im textilen Material-Mix. Wäre eine diverse Evolution möglich gewesen?

Das Theater Rotterdam und das Schauspielhaus Bochum haben diese Versuchsanordnung aufwendig produziert. Die englischsprachigen Dialoge wurden deutsch übertitelt. Mehr Schauspiel hätte gut getan.

25.1.; 8., 9.2.; Tel. 0234/3333 5555; www.

schauspielhausbochum.de

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